Walther P88

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Die Selbstladepistole Walther P88 ist eine 15-schüssige halbautomatische Selbstladepistole mit Spannabzug (DA/SA) im Kaliber 9mm x 19 (9mm Parabellum bzw. Luger). Sie wurde Anfang der 1980-er Jahre bei der Carl Walther GmbH in Ulm von den Konstrukteuren Ludwig, Repa und Zanner entwickelt.

Walther P88

Allgemeines

Im Gegensatz zur P38 / P1 und ihren späteren Derivaten wurde bei der neuen P88 nicht wieder der Schwenkriegelverschluss angewendet, sondern – ein Novum für Walther - auf das System Browning-Petter-SIG zurückgegriffen. Die Gründe hierfür waren, dass sich mit dieser Verschlussart und der von Walther eigens für die P88 verfeinerten Lauflagerung eine bessere Schusspräzision und ein schmälerer Verschlussaufbau realisieren ließen. Auch der Produktionsaufwand wurde hiermit vereinfacht. Die grundsätzliche Verschlusskonstruktion der P88 entspricht der schweizerischen P220. Beide Waffen wurden von dem ehemalien [SIG]-Waffenkonstrukteur Walter Ludwig konzipiert und teilweise auch konstruiert.

Die P88 wurde hauptsächlich als Seitenwaffe für den militärischen und polizeilichen Gebrauch entwickelt. Sie war auch der Walther-Beitrag zur damals anstehenden US-amerikanischen Faustfeuerwaffenerprobung des Heeres „Joint Services Small Arms Program“ (JSSAP XM9), welche 1981 begann und mit Unterbrechungen erst 1984/5 endete. Das Erprobungsprogramm hatte mit dem zukünftigen Pistolenmodell M9 die Nachfolge für die inzwischen in die Jahre gekommene Colt Government 1911A1 zu klären. Aus Standardisierungsgründen hatte sich das DOD für das damals militärisch bereits international übliche und NATO-eingeführte, aber „unamerikanische“ Kaliber 9mm x 19 entschieden.

Walther hatte aber auch die sich bereits abzeichnende Aussicht in Auge, mit der P88 den deutschen Streitkräften eine adäquate Nachfolge für die P1 anbieten zu können. Die Zahl 88 wurde beim zivilen Vermarktungsbeginn 1986/7 im Hinblick auf das bald 50-jährige Jubiläum der legendären P38 gewählt.

Weiterhin war die P88 als Antwort zum bereits sehr erfolgreichen SIG-SAUER Wettbewerbsmodell P 226 ff. gedacht. Beide Selbstladepistolen haben auch den gleichen "geistigen Vater": Der Maschinenwaffenspezialist Walther Ludwig war - bevor er zu Walther wechselte - maßgeblich an der Entwicklung der P 220 beteiligt gewesen.

Technische Daten

  • Hersteller: Walther
  • Modell: P88
  • Länge: 187 mm
  • Höhe: 142 mm
  • Verschlussträgerbreite: 24 mm
  • Griffstückbreite: 38 mm
  • Masse ungeladen: 0,845 kg
  • Masse geladen (15 Schuss): 1,085 kg
  • Lauf: 102 mm mit 6-fach Zug-Feldprofil
  • Visierlinie: 150 mm
  • Visierung: Balkenkorn 3,5 mm mit 1 Dämmerungsmarke; Rechteckkimme

3,9 mm mit 2 Dämmerungsmarken

  • Vo: munitionsabhängig ca. 300 – 415 m/s
  • Eo: munitionsabhängig ca. 360 – 560 J
  • Magazinkapazität: 15 Schuss
  • Verschlusssystem: "Browning-Petter-SIG" mit Schulter/Stoßbodenverriegelung und modifizierter Lauflagerung
  • Abzugssystem: Spannabzug (DA), max. 45 N, Normalabzug (SA), max. 20 N
  • Sicherungen: vier innenliegende, automatische Sicherungen
  • Schließfeder: Runddraht-Spiralfeder, Spannkraft max. ca. 80 N
  • Oberflächen (ziv.): Stahlteile geschliffen, Walther-typisch blauschwarz brüniert; Duralgriffstück schwarz gefärbt

Bilder

siehe die u.a. Links

Systembeschreibung

Lauf und Verriegelungssystem

Der hochpräzise und gemäß Walthertradition spanlos gedrückte Lauf hat eine Länge von 102 mm (4“) mit sechs Zügen und Feldern. Die Dralllänge beträgt 250 mm, der Zugdurchmesser 9,07 mm / 0,357 Zoll. Der "Browning-Petter-SIG" Verschluss mit unverdecktem Kammerriegelblock und segmentförmiger Schulter bildet drei Verriegelungsflächen zwischen Lauf und Schlitten aus: Der erste „hintere“ wird am Patronenlager mittels einer 10 mm breiten quaderförmigen Nase gebildet, welche in eine 3 mm tiefe Aussparung im oberen Teil des Stoßbodens des Schlittens passgenau eingreift; die zweite „mittlere“ besteht aus einer Winkelkontaktfläche hinter dem Patronenlager zwischen oberer Laufhälfte und Kammerriegel, der dritte „vordere“ wird durch die feste Fixierung der Laufmündung gegen die untere Hälfte einer ellipsenähnlichen Schlittenöffnung gebildet.

Im verriegelten Verschlusszustand ist das Patronenlager angehoben. Mit den drei genannten Kontaktpunkten liegen die Flächen formschlüssig zueinander an. Beim Öffnen des Verschlusses bewegen sich Lauf und Schlitten auf der ca. 7 mm langen Unterstellstrecke noch gemeinsam nach hinten. Nach dieser wird der Lauf von der offenen und starren Steuerkulisse ("Steuerkralle") nach unten gelenkt und entkoppelt hiermit den Lauf vom Schlitten. Die mündungsseitige elliptische Schlittenöffnung gestattet hierbei die entsprechende Laufneigung. Beim erneuten Verriegeln des Verschlusses nehmen Lauf und Schlitten durch die spielfreie Ausführung der Verriegelungsflächen wieder eine exakte, stets reproduzierbare Stellung zueinander ein. Die Lauf- und Verriegelungsgüte gewährleisten – entsprechende Qualitätsmunition vorausgesetzt – einen Streukreis aus der Schießmaschine von ca. 35 mm. Für eine militärische Gebrauchspistole ist das ein weit überdurchschnittlicher Wert.

Ein Bedienhebel

Wie keine andere Faustfeuerwaffe zu Beginn der 1980-er wurde die P88 bereits kompromisslos für die beidseitige Handhabung ausgelegt. Mittels nur einem Bedienhebel wird der Verschlussfang entriegelt und auch das als Ringhammer ausgeführte Schlagstück entspannt. Der großflächige, mit der Griffschale abschließende Bedienhebel ist auch für kurze Daumen gut erreichbar.

Im ebenfalls beidseitig erreichbaren Magazinhaltemechanismus ist zusätzlich eine federnde Klinke integriert, die bei gelöstem Magazin ca. 20 mm weit als taktische Magazinbremse arbeitet.

Eine „manuell“ zu betätigende Sicherung im klassischen Sinn fehlt; die P88 verfügt aber über intern wirkende automatische Sicherungen, auf die später noch detailliert eingegangen wird.

Taktische Handhabungssicherheit

Die Möglichkeit einer unter Stress auftretenden Fehlbedienung des Schlittenfanghebels einerseits - und eines separaten Sicherungs- bzw. Hahn-Entspannhebels andererseits - wurde bei der P88 durch diesen "Universal"-Bedienhebel minimiert. Seine beidseitige Ausführung - sowie auch die beidseitige Bedienbarkeit der Magazinhalterung ermöglichen dem Links- wie Rechtshänder beim beidhändigen Schießen z. B. auch das schnellere Lösen des Magazins mit dem Zeigefinger der unterstützenden Hand. Unter widrigen Gefechtsumständen ist die beidseitige Bedienbarkeit von hohem taktischen Wert - und bei diversen Barrikadenschüssen oder einem auftretenden Handicap an der Schießhand ist es sogar ein "Muss"!

Der Bedienhebel hätte unter rein „zivilen“ Gesichtspunkten“ filigraner und flacher ausfallen können. Wie aber bereits schon die P.38 wurde auch die P88 nach militärischen Gesichtspunkten ausgelegt. Darunter fällt auch due Handhabung mit Winterhandschuhen.

Lediglich eine Funktion existiert nur links: Um bei herausgenommenem Magazin – z. B. zwecks Funktionsüberprüfung nach einer Reinigung - den Verschluss offen halten zu können, muss nach dem Zurückziehen des Verschlusses ein Verschlussfanghebels hochgedrückt. Er sitzt leicht versetzt unter dem Bedienhebel und ist mit diesem mechanisch gekoppelt.

Hauptteile

Nach dem Entfernen des Magazins geschieht die Zerlegung in die Hauptteile im verriegelten Zustand mittels einer 90°-Drehung des über dem Abzug angebrachten Laufhaltehebels. Den Verschluss nach vorne ausgelassen kann nun die Federführungsstange mit Verschlussfeder und der Lauf entnommen werden. Eine weitere Zerlegung ist für Reinigungszwecke nicht notwendig.

Visierung

Die 150 mm lange Visierlinie wird aus einem festen, 3,5 mm breiten Balkenkorn mit weißer Dämmerungsmarke und einer 3,9 mm breiten Rechteckkimme mit seitlicher Mikrometerverstellung und zwei Dämmerungsmarken gebildet. Die Visierbreiten entsprechen militärischem Standard. Die Rast der Mikrometerverstellung entspricht auf 25 m einer Treffpunkverlagerung von 22 mm. Die Höhenverstellung kann mittels dreier unterschiedlich hoher Korne im Raster von 50 mm erfolgen. Die Oberseite des Schlittens ist mattiert und damit reflexionsfrei. Die Visierlinie „gestrichen Korn“ verläuft über der Schlittenoberseite in der relativ großen Höhe von ca. 8 mm. Auch das eine militärische Anforderung: Hiermit wird sichergestellt, dass z. B. nach einem Sturz mit ggf. noch anhaftender Verschmutzung die Gefahr einer unmittelbaren Beeinträchtigung der Ziellinie minimiert wird. Kehrseite der "Medaille": Nicht besonders "holsterfreundlich" für diverse minimalistische Köcher. Militärische Holster werden aber i. d. R. hinreichend großzügig ausgelegt.

Griffstück

Zwecks Gewichtsreduzierug besteht das filigran wirkende Griffstück aus einer geschmiedeten Knetlegierung mit einer Mindestzugfestigkeit von 530 N/qmm. Durch die mittels hartanodischer Oxidation erzeugte N-HE Schicht mit sehr harten Aluminiumoxiden von ca. 1200 HV ist die Griffstückoberfläche äußerst widerstandfähig gegen Abrieb. Die Standzeit des erstklassig verarbeiteten Griffstücks entspricht derjenigen der Stahlteile, wobei hier keine permanente Verschmutzung der Verschlussführungen durch z. B. Feinsände o. ä. vorausgesetzt wird. Das Lastenheft schrieb eine Mindestbelastung von min. 10 000 Schuss unter Verwendung von Bw-Munition 9mm x 19 DM51 (Gasdruck ca. 2800 bar!) ohne Funktionsbeeinträchtigung bzw. gravierende Präzisionsverluste vor. Diese Munition liegt mit ihrem Gasdruck wesentlich höher als die C.I.P. zulässigen Ladungswerte Commission Internationale Permanente pour l'Epreuve des Armes à Feu Portatives mit 2350 bar (Pieco-Druckaufnehmer) bzw. 2600 bar (Kupferstauchzylinder).

Die Griffseiten wurden aus Stabilitätsgründen nicht skelettiert, sondern vollflächig ausgeführt. Diese ebenfalls rein militärische Anforderung ermöglicht hiermit notfalls auch den Gebrauch ohne stabilisierende Griffschalen. Der Griffwinkel beträgt 72° bzw. 108° und bietet hiermit optimale Deutschusseigenschaften. Der (militärisch nicht unbedingt notwendige) Abzugstop wurde mittels einer lösbaren Madenschraube im Griffstück ausgeführt.

Magazin

Es wird „von vorn“ geladen und nimmt zweireihig 15 Schuss auf. Stoßboden und Magazinfederführung sind Blechprägeteile; der asymmetrische Zubringer besteht aus einem massiven, abriebfesten Druckgussteil. Trotz der kräftigen Magazinfeder wird keine Ladehilfe benötigt.

Sicherungssystem

Die P88 verfügt über 4 selbsttätige, vom Schützen unabhängig wirkende Sicherungen:

1) kraftschlüssige Vertikalbarriere zur Längsarretierung des Zündstiftes

2) räumliche (formschlüssige!) Ausnehmung in der Schlagfläche des Schlaghebel im Verbund mit kraftschlüssiger Schlagbolzenverschwenkung über den Abzugsmechanismus

3) kraftschlüssige Sicherungsrast an der Abzugsklinke des Schlaghebels

4) kraftschlüssige Schließsicherung mittels Unterbrecher

Die Einzelsicherungen 1) und 2) wirken ergänzend miteinander als Fallsicherung und können nur umgangen werden, wenn der Abzug vollständig durchgezogen wird. Hierbei wird dann der Zündstift nach oben verschwenkt und der Schlaghebel (Hahn) kann nun mit seiner nicht ausgenommenen Fläche den Schuss auslösen. Sicherungen 3) und 4) wirken solange, bis der Verschluss nach dem Fertigladen oder der Schussabgabe vollständig wieder verriegelt ist. Sind die Schließ- und Abzugsbedingung nicht erfüllt, kann der Zündstift vom Schlagstück nicht nach vorne geschleudert werden. Hiermit ist die P88 mit ent- und gespanntem Hahn sicher bei Stoß, Fallenlassen der Waffe und Schnappenlassen des Schlaghebels. Auch beim Entspannen mittels Bedienhebel sind alle vier Sicherungen weiter wirksam.

Abzugssystem

Der Spannabzug mittels Hahnklappe entspricht konstruktiv/mechanisch dem der Walther P5. Auf Grund der automatisch wirkenden, kraftschlüssigen Sicherung Nr. 1, deren Federkraft vom Auslösemechanismus überwunden werden muss, hat der Abzug keine „Matchqualität“. Das muss er auch nicht, da es sich bei der P88 um eine "taktische" und nicht um eine "versportlichte" Waffe handelt. Nach dem Leerweg von ca. 4 mm mit geringer Vorzugskraft hat der Abzug aber eine gut ausgeprägte und eindeutige „Druckpunktcharakteristik“.

Entwicklungsgeschichte

1938 übernahm das Deutsche Reich nach dem damaligen Stand der Technik eine revolutionäre Pistole. Die Walther P.38 war ein Meilenstein in der Entwicklung der halbautomatischer Pistolen. Sie vereinigt eine Menge exzellenter Konstruktionsmerkmale in sich und war damit allen anderen damaligen militärischen Gebrauchspistolen konstruktiv weit voraus: Eine universell einsetzbare, uneingeschränkt feldverwendungsfähige Gefechtspistole mit Spannabzug für die "Pistolenpatrone 08".

Fünf Dekaden später eine Nachfolge, welche wiederum ein Meilenstein setzte. Die Erfahrungen aus dem 2. Weltkrieg mit unzähligen Schlachten und Scharmützeln - und auch die alles andere als friedlichen Jahrzehnte danach - vermittelten den Walther-Ingenieuren, auf was es bei einer neuzeitlichen militärischen Pistole ankam. (Und da im Gepäck der US-amerikanischen GIs eine Menge Weltkriegs-P.38 in die USA gelangten, setzten diese sogar auch in der "Neuen Welt" einen grundlegenden Umdenkungsprozess hinsichtlich halbautomatischer Spannabzugpistolen in Gang).

Nach fast 50 Jahren P.38 war die P88 wieder eine herausragende Entwicklung – diesmal aber eine unter den sogenannten „Wondernines“, die ab Anfang der 1980er massiv auf die internationalen Märkte drängten. Dieser im Zeitraum geprägte Begriff war die Wortprägung eines US-amerikanischen Waffenmagazin-Fachjournalisten, der auf der Sinnsuche für den nicht endenden Strom neuer europäischer Selbstladepistolen nach den USA war. Hier bestand natürlich ein direkter Zusammenhang zur US-amerikanischen Erprobung XM9, welche im Jahr 1981 begann und mit Unterbrechungen bis 1984 andauerte. Von den in diesem Zeitraum hochkommenden 'Wunderneunern' wurde jede meist mit Eigenschaften hochgelobt, die ihre Vorgänger bzw. Mitbewerber in den Schatten stellen sollten.

Zweifellos hatten viele von ihnen durchaus erwähnenswerte Eigenschaften. Der unvoreingenommene, rein objektiv bewertende Fachmann konnte aber schnell die „Queen“ ausmachen. Die Walthe P88 war - neben der revolutionär-fortschrittlichen österreichischen Steyr GB – diejenige 'Wunderneuner' mit dem höchsten „taktischen“ Wert (Gefechtswert). Ihre Bediensicherheit war im direkten Vergleich zu allen anderen "Neunern" unübertroffen. Wegen ihrer absoluten Funktionssicherheit - sowie auch ihrer überragenden Verarbeitungsqualität - war sie bereits ab Fabrik „out of the box“ ein "High Potential" - und deshalb bei anspruchsvollen Gebrauchspistolenprofis hoch begehrt!

Auf den ersten Blick erschien diese neue Walther erst einmal wie alle anderen. Nach genauerem Hinsehen fiel dann aber auf, dass die konstruktiven Details immer ein wenig besser als beim Mitbewerb ausgeführt waren. Darüber hinaus war die Verarbeitungsqualität aller Teile so gut, dass sie es mühelos mit einer SIG 210 aufnehmen konnte. Das mag auch daran gelegen haben, das die Grundkonzeption von ehem. SIG-Konstrukteur Walther Ludwig stammte, welcher fast zwei Jahrzehnte lang in Neuhausen wirkte. Entsprechend hoch war allerdings auch der Preis der P88: Sie kostete 1987 gemäß Preisliste 1568 DM. Das war viel Geld, wenn man damals z. B. eine P226 von SIG-SAUER mit zumindest vergleichbaren "Katalogdaten" für 850 DM bekommen konnte.

Militärische Erprobungen

Anfang der 80-iger Jahre begann bereits der Siegeszug preisgünstiger „Tupperware“-Pistolen, welche unaufhaltsam den hochwertigen Ganzmetallpistolen das Wasser abgruben. Die Glock 17 mit Polymergriffstück gewann die österreichische P80-Militärausschreibung auf Grund ihres unschlagbar niedrigen Preises. Die hochwertigsten Favoriten bei dieser Erprobung waren jedoch die Steyr GB und die Walther P88. Bei der US-amerikanischen Ausschreibung (XM9) schied die P88 auf Grund widriger Ausschreibungsbedingungen aus: eine der 72 „Shall“-Bedingungen erfüllte sie nicht: Es fehlte die „manuelle“ Sicherung. Außerdem neigten die P88-Erprobungsmuster dazu auch noch - wenn kpl. entölt "trocken" geschossen wurde - zu gelegentlichen Waffenstörungen. Beretta gewann dann - mit der später modifizierten Beretta 92 'Brigadier' - in der Endausscheidung gegen die SIG Sauer P226. Das mag verwundern. (Aber nicht nur US-amerikanische Erprobungs- und Vergabepraktiken entwickeln ein für Außenstehende bisweilen schwer zu durchschauende „Eigenleben“).

Für die Gesamtbewertung der Beretta war u. a. signifikant mit entscheidend, dass in Maryland bereits eine Fertigungsstätte zur Bedienung des amerikanischen Marktes bestand, und damit die Wertschöpfung überwiegend in den USA stattfinden konnte. Die „Glock“ - damals noch gern als „Überlebenshilfe für Nichtschwimmereinheiten“ bespöttelt - nahm an dieser Ausschreibung nicht teil. Gaston Glock hatte einige Randbedingungen der Ausschreibung nicht akzeptierten wollen. (Die Amerikaner verlangten u. a. die Offenlegung von Fertigungsdetails sowie die Abtretung von Patentrechten).

An der Bundeswehr-Ausschreibung nahm die P88 ab 1990 ebenfalls teil und wurde ebenso auch wegen der fehlenden manuellen Sicherung sowie Funktionsstörungen bei extremer Kälte von der erprobenden Wehrtechnischen Dienststelle (WTD91) abgelehnt. (Weiteres hierzu unter P88 ‚Compact’).

Zivile Vermarktung

Der P88 verblieben nun - mit einer einzigen Ausnahme - nur noch die „zivilen“ Märkte, da weltweit weder Militär noch Polizei gewillt war, diese technisch perfekte, aber sündhaft teure „Luxusdiva“ zu adoptieren. Einzige Ausnahme: Einer BGS-Spezialeinheit wurde gestattet, sich mit der P88 einzudecken. Immerhin haben sich aber bis zum Produktionsende 1992 etwa weltweit 10.000 Gebrauchspistolenschützen trotz des hohen Preises für die P88 entschieden. Ein "elitärer" Waffengeschmack war von je her schon immer etwas teurer - daran hat sich bis heute nichts geändert. Weit mehr sein als zu scheinen - das schien das Leitmotiv der Walther-Ingenieure bei der Entwicklung der P88 gewesen zu sein. Eine heute praktisch in Vergessenheit geratene Maxime ...

Modellvarianten

Die später nachgeschobenen Derivate „Compact“ und „Competition“ waren Überarbeitungen der „militärischen" P88.

P88 Compact

Anfang der 1990er Jahre setzte nach dem Siegeszug der hauptsächlich für rein militärische oder polizeiliche Verwendungen konzipierten "Wunderneuner" eine gewisse Ernüchterung ein. Deren Fürsprecher hatten für die erfolgreiche Bewältigung sog. "rollender", schwer kalkulierbarer Feuergefechte eine hohe Magazinkapazität gefordert, wobei hierbei die "15" als Minimum galt. Im Verkennen der schlichten Tatsache, dass zum Stoppen eines Angriffs hauptsächlich die ersten zielsicheren Treffer zählen, hatte man das Heil hauptsächlich im US-typischen "Feuerzauber" gesehen. In Allgemeinen ist das bis heute auch so geblieben; auch die Szenarien der schießsportlichen IPSC-Disziplinen belegen das unübersehbar. Die "neue" P88 sollte deshalb eigentlich auch nicht 'Compact', sondern 'Combat' heißen. Aufgrund ihrer Abmessungen war sie im Zeitraum eine der kompaktesten europäischen 9x19 mm Spannabzugpistolen. (Anm.: Der Zusatz 'CC' für 'Compact Combat' hätte ihrer Charakteristik wohl am ehesten entsprochen. Aber darüber zu spekulieren, weshalb die Marketingstrategen bei Walther darauf nicht gekommen sind, ist müßig).

Die Alltagswirklichkeit erwies sich bei der Überarbeitung der P88 hin zur 'C' als ein ernüchternder Lehrmeister. Der Polizist oder "Privatier" wollte es gern etwas handlicher, und so wurde die P88 konstruktiv und „kosmetisch“ – wie später die meisten anderen Wunderneuner auch - den neuen Erfordernissen angepasst. Weniger „kantig“ und damit „zivilisierter“ wurde die ‚Compact’ auch etwas handlicher: insgesamt ca. 7 mm kürzer, 3 mm schmäler, 70 g leichter, ein ca. 7 mm kürzerer Lauf und eine um ca. 2 mm abgesenkte Visierlinie sowie 1 Schuss weniger im Magazin. Im Gegensatz zu den meisten anderen 9x19 mm Kompaktpistolen wirkt sie damit aber nicht geometrisch verhunzt „wie abgeschnitten“, sondern ihre Proportionen wurden sorfältig aufeinander abgestimmt.

Technische Änderungen 'Compact'

Das fein abgestimmte Browning-Petter System der P88 wurde beibehalten. Allerdings wurde das Schlittengewicht reduziert, um die Funktionsproblematik "entölt trocken" in den Griff zu bekommen. Die Schließfeder besteht nun auch nicht mehr nur aus einem massiven Draht, sondern aus drei miteinander verdrillten Einzellitzen. Litzenfedern haben bei vergleichbarem Materialquerschnitt eine etwas kleinere Federkonstante auf Grund geringerer Randspannungen, was aber hiermit der Langzeit-Materialermüdung entgegenwirkt. Der Schlittenfang - anstelle des ausgeprägten, universell-beidseitigen Bedienhebels - wurde wesentlich verkleinert und arbeitet nur noch links. Damit wurde ein wesentlicher taktischer Bedienvorteil geopfert, um einen etwas flacheren Aufbau für verdeckte Trageweisen zu realisieren.

Eine signifikante Änderung gab es auch im Sicherungssystem: An Stelle des einzigen Bedienhebels und den 4 automatisch wirkenden Sicherungen wurde wieder - anstelle der Sicherung Nr. 2 - eine „manuelle“ formschlüssige Sicherung im Schlitten integriert. Der Grund hierfür waren die im Zeitraum anstehenden Polizei- und Militärausschreibungen, welche gerade danach verlangten. Die formschlüssig-manuelle Sicherung - konstruktiv bereits ein "alter Hut" - trat nun an die Stelle der sehr ingeniösen, vom Abzug automatisch gesteuerten, verschwenkbaren Vertikalbarriere mit Längsarretierung des Schlagbolzen. Wie bereits bei PP, PPK, P38, P4 und P5 arbeitet diese "traditionell" formschlüssige Sicherung auch wieder als Entspannvorrichtung für das Schlagstück. Bei Walther bereits seit 1929 "Stand der Technik", forderten - bzw. fordern immer noch nach wie vor - viele Militär- und Polizeiadministrationen genau diese Art von Sicherung. Im Gegensatz zur automatisch wirkenden kraftschlüssigen Sicherungsart galt und gilt diese manuell-formschlüssige Sicherung als praktisch ausfallsicher.

Nun - leider aber auch nur genau für den Fall, dass sie auch tatsächlich benutzt wird ...

Historie der 'Compact'

Wie bereits die P88 wurde auch die ‚Compact’ wieder in überragender Fertigungsqualität geliefert. In den USA - wo bereits schon der P88 eine ungleich höhere Wertschätzung entgegengebracht wurde als in Deutschland - behaupteten US-amerikanische Fachjournalisten jedoch, dass die P88C nicht mehr so akkurat gefertigt worden sei. Deshalb schösse sie auch nicht mehr so präzise wie die "full sise military" P88. Das hielt einer Überprüfung mit mehreren Mustern nicht stand! Auch die Anschussbilder widerlegen das. Ob nun diese US-kritische Bewertungen auf metrologischer Basis - oder lediglich auf dem gelegetlich noch ausbrechenden angelsächsischen Zynismus im Verbund mit latenter Germanophobie fußt - ist nicht überliefert.

Nachdem die Bundeswehr anfangs die P88 abgelehnt hatte - und während der bis 1993 andauernden Erprobungen die 'Compact'-Variante nachgereicht wurde - schied diese ebenfalls aus. Heckler & Koch machte das Rennen mit der USP, einer äußerst robusten und pflegeleichten "Polymergriffstück"-Pistole, bei der lediglich die Sicherungsauslegung verändert wurde. In der abschließenden Gesamtbewertung - in die auch ein Feldversuch mittels Truppenerprobung durch das Bw-Heeresamt mit einfloss - spielte besonders die Preisgestaltung auch eine gewichtige Rolle. Der Listenpreis einer Bw-USP (= P8) lag Ende 1992 bei ca. 1000 DM, derjenige einer P88 ‚Compact’ schon bei knapp 1800 DM. Unter Zugrundelegung des entsprechenden Bestellvolumens der Bw hätte sich das Verhältnis des behördlichen Einkaufspreises aber sicher immer noch entsprechend abgebildet.

Im Jahr 2000 wurde die Produktion der P88 ‚Compact’ nach ca. 7000 rein kommerziell vermarkteten Stück eingestellt. Die Zeit für höchstwertige Behördenpistolen war da bereits schon längst vorbei: "Glock & Co. hatten längst dieses Marktsegment erfolgreich besetzt.

P88 'Competition'

Mit einem 101 mm langem Lauf wurde von 1993 bis 2000 – parallel zur ‚Compact’ - auch eine „versportlichte“ Variante gebaut. Der Verschluss entsprach weiterhin der ‚Compact’, wobei aber der Spannabzug (DA) weggelassen wurde. Ebenso entfiel die automatisch wirkende, kraftschlüssige Vertikalbarrierensicherung (Nr. 1) sowie die Entspannvorrichtung für das Schlagstück. Die formschlüssig-manuelle Sicherung wurde aber beibehalten. Der Abzug löst nach einem Vorweg von 3,3 mm extrem trockenen aus. Erreicht wurde das aber nicht durch individuelle Nacharbeit ("Tuning"), sondern durch rechnergestützte CNC-Fertigung sowie einer exakten Abstimmung von Hebelgeometrie und Federkräften. Diese waren so ausgelegt, dass sich minimale, unvermeidliche Fertigungsschwankungen nicht negativ auf die Abzugsqualität auswirkten. Der Abzugswiderstand liegt serienmäßig bei 14 N, konnte aber mit Walther-Federsätzen individuell bis auf ca. 10 N verringert werden. Der Abzugsstop war mittels einer Madenschraube justierbar wie bei den Gebrauchs-P88.

Mit der Entscheidung für ein rein sportliches – nur auf gesicherten Schießanlagen anzuwendendes SA-System - konnte nicht nur der Eingriff in die Spannrast des Schlagstückes verringert werden, sondern es ermöglichte auch eine neue, auf die sportlichen Belange abgestimmte Griffgeometrie. So konnte die für ein präzises Auslösen des Schusses bedeutsame Abzugabstandsweite bei der ‚Competition’ gegenüber den etwas knapp bemessenen 61 mm der P88 ‚Compact’ um 6 mm auf für die durchschnittliche Handgröße ideale 67 mm vorverlegt werden.

Die ‚Competition’ erreichte mit entsprechend selektierter Markenmunition auf 25 m aus der Schießmaschine geschossen Streukreise von unter 20 mm.

Von der Fa. Wischo GmbH & Co. gab es diverses Sonderzubehör sowie auch einen 5“-Lauf mit Frontgewinde, auf welches ein 27g bzw. 69g Laufgewicht oder Kompensator geschraubt werden konnte. Fixiert wurde mit ineinandergreifenden ISK-Gewindestiften. Der Walther-Kompensator mit 94g war die klassische Kombination aus Einkammer-Mündungsbremse mit weitem Expansionsraum und einer ebenen, vertikal zur Seelenachse stehenden Stirnprallfläche, sowie einem Deflektor mit ovalen Entlastungsschlitzen. Das Geschossaustrittsloch mit 9,4 mm war auf enge Systemtoleranzen angewiesen, was aber weder für die P88 noch die 'Competition' ein Problem war.

Für alle Varianten der P88 werden bis heute von der Fa. Nill Holzgriffschalen mit und ohne Daumenauflage hergestellt. Die ohnehin bereits gute Handlage mit den serienmäßigen Kunststoffgriffschalen wird mit den geringfügig voluminöseren Holzgriffschalen noch getoppt.

Schlussbemerkung

Die P88 und ihre Nachfolgevarianten sind qualitativ höchstwertige Faustfeuerwaffen, die ihresgleichen suchen. Leider kamen sie viel zu spät auf den Markt. Als der Fachjournalist und 'Polizeitaktiker' Siegfried Hübner erstmalig im März 1983 den Vorserientyp der P88 testete, kam er bereits damals zu diesen Schluss – ohne die österreichische Glock überhaupt erwähnt zu haben. Mitte der 1970-er und mit einem moderaten Preis auf den Markt gebracht, hätte die P88 alle anderen Wettbewerber aus den 80-igern weit hinter sich lassen können. Als Paradebeispiel hierfür kann auch die Steyr GB gelten, bei der es – ebenso wenig wie bei der P88 - an mangelnder Technik oder taktischem Gebrauchswert lag, sondern lediglich an gravierenden Unzulänglichkeiten hinsichtlich der Vermarktung. Erschwerend kam natürlich hinzu – das muss hier klar herausgestellt werden - das Anfang der 80er quasi über Nacht und aus dem Nichts heraus der beginnende Siegeszug der Glock-Pistolen allen hochwertigen Ganzmetall-Gebrauchspistolen das Überleben schwer machte. Die Auflage der 'Glocks' hat inzwischen die 5-Millionengrenze überschritten. Und Versuche mit metallbewehrten Polymerverschlüssen haben bereits begonnen ...

„Ganzmetall“-Pistolen – heute teilweise mit bereits grotesk anmutenden „Veredelungen“ - finden heute hauptsächlich nur noch Verwendung in versportlichten Disziplinen. Unter z. B. den zahlreichen Edelklonen und Kopien der Brünner M-75 (CZ75) ist nicht eine einzige mit Polymergriffstück zu finden.

Quellen

IWS 2/1983: Die neue Walther P88 // DWJ 4/1985: P88 – die neue Selbstdadepistole von Walther // DWJ 8/1992: Walter P88 Compact – die große Kleine // DWJ 6/1994: Für Experten – Walther P88 Competition

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