Steyr Pi 18

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Die ehem. Steyr Daimler Puch AG - heute der ausgelagerte Produktionszweig Steyr Mannlicher - enwickelte die halbautomatische Selbstladepistole Steyr GB (während der Entwicklung Steyr Pi18, später auch „GB-80“). Die primär als militärische Seitenwaffe ausgelegte Pistole hat einen Spannabzug und verwendet das international übliche Militärkaliber Kaliber 9x19mm.

Einleitung

Die Steyr Selbstladepistole „GB“ ist eine halbautomatische Selbstladepistole in Ganzstahlausführung mit Spannabzug (DA/SA) im Kaliber 9mm x 19 (9mm Parabellum / Luger). Die während der Entwicklungsphase verwendete Typenbezeichnung „Pi18“, welche auf die für die 70er-Jahre überdurchschnittliche Magazinkapazität von 18 Schuss hinweist, wurde bei der Markteinführung 1983 in „GB“ geändert. Dieses Kürzel steht für den Begriff „GasBremse“, welcher für das Funktionsprinzip eines mittels Gasdruck gebremsten Masseverschlusses steht.

Die "Gasbremse" - welche wie eine pneumatische Feder wirkt und die Rücklaufbeschleunigung herabsetzt - sollte nicht mit dem mehr geläufigen Verschlussprinzip des „Gasdrucklader“ - (dt. Sturmgewehr 44, russ. AK47, dt. G36, am. M16 usw.) - verwechselt werden. Gasdrucklader verwenden Schwallgasdrücke zur Verschlussöffnung - die Gasbremse dagegen zur Verzögerung ("Entschleunigung") der Rücklaufbewegung des Verschlussträgers.

Die "GB" wird in der Fachliteratur auch noch als "GB-80" bezeichnet, was auf das Jahrzehnt ihrer Markteinführung hinweist.

Der gasdruckgebremste Masseverschluss ist ein außergewöhnliches Verschlussprinzip, welches gegenüber den statisch-starr verriegelten Verschlüssen den Vorteil hat, aufgrund seiner dynamischen Wirkungsweise störunanfälliger gegenüber unterschiedlichen Munitionslaborierungen zu reagieren. Prinzipiell können nun praktisch alle militärischen und zivilen Munitionslaborierungen ohne Funktionsstörungen verschossen werden. 9 x 19 mm Laborierungen können auf Grund der inzwischen weltweiten zivilen wie militärischen Verbreitung dises Kalibers stark voneinander abweichen. Nach unten hin findet die Laborierung jedoch durch die mechanische Verschlussfederkraft ihre Grenze.

Auf Grund des feststehenden Laufes und einer systembedingt mündungsseitig notwendigen, praktisch „gasdichten“ Passung zwischen Laufmündung und Mündungskappe bietet die "GB" eine höhere Eigenpräzision als andere militärische Gebrauchspistolen. Präzisionsfördernd wirkt auch der Polygonlauf: Aus einer Schießmaschine ergeben sich auf 25m mit Qualitätslaborierungen bei Serienpistolen Streukreise von 25 - 35 mm, was ungefähr der Hälfte einer Gebrauchspistole entspricht. Darüber hinaus reduziert das Verschlussprinzip gegenüber der starren Verriegelung geringfügig auch den Rück- und Hochschlag, was hiermit bei schnellen Schussfolgen die Waffe weniger aus dem Ziel auswandern lässt.

Die "GB" wurde als militärische Seitenwaffe "Full Size" ausgelegt und entstand bereits Ende der 60er-Jahre auf Grund eines „inoffiziellen“ Entwicklungsauftrages für das Österreichische Bundesheer. Ein Lastenheft gab es nicht: Steyr-Daimler-Puch hatte auf Grund des damaligen Beziehungsgeflechts sehr präzise Kenntnisse darüber, welche Eigenschaften das Bundesheer von einer neuen Dienstpistole erwartete. Die neuartige Ordonnanzpistole sollte die inzwischen in die Jahre gekommenen deutschen Walther "PP" und "P.38" aus Wehrmachtsbeständen, sowie auch die belgischen "FN GP" ("HP") der Gendarmerie ersetzten.

Bilder

Siehe u. a. Links

Systembeschreibung

Verschlusssystem

Äußerlich unterscheidet sich der gasdruckgebremste Masseverschluss nur unwesentlich von einem mechanisch starr verriegelten Verschluss mittels Unterstellstrecke. Signifikante Unterscheidungsmerkmale sind der etwas voluminös erscheinende Verschlusskörper und dessen mündungsseitige Verschlusskappe. Systemtechnisch arbeitet die "GB" jedoch gänzlich anders als eine Unterstellstrecken-Verriegelung. Abkippende Läufe mit Browning'scher Kamm- oder Schulter/Stoßbodenverriegelung (Government '1911' bis modernste Konstruktionen wie SIG-Sauer, Walther, HK usw.), Rotationslaufverriegelungen (Steyr M.7, M.12, Beretta Cougar / Px4, Grand Power K100 / GP-6) oder Kippriegel (Walther P.38, Beretta 92, Llama M-82) arbeiten mit einem mechanischen Formschluss zwischen Lauf und Verschlusskörper. Die starre Kopplung wird erst aufgehoben, wenn rückstoßgetrieben eine sog. Unterstellstrecke durchfahren ist, welche auslegungsbedingt ca. 3 - 8 mm beträgt. Erst nach dieser Strecke kann sich der Verschlussträger vom Lauf trennen. Das stellt sicher, dass keine gespannten Schwallgase nach hinten entweichen können.

Der gasdruckverzögerte Masseverschluss arbeitet nur mit Kraftschlüssen, welche durch die Massenträgheit des Verschlussträgers, der mechanischen Rückholfeder und eines zeitweilig wirkenden "pneumatischen" Puffers bewerkstelligt wird. Dieser arbeitet mit gespannten Treibladungsgasen, welche durch zwei Laufbohrungen in eine Ringraumreaktionskammer geleitet werden. Diese kontruktiv als "Mündungkappe" (gem. GB-Stückliste) ausgelegte Kammer verbindet vorn die Laufmündung gasdicht mit dem Verschlussträger und bildet im geschlossenen Systemzustanddamit zugleich auch das Führungselement für den Verschlussträger. Die Befestigung der Mündungskappe mit dem Verschlussträger wird mittels eines passgenauen Bajonettverschlusses bewerkstelligt. Mündungsseitig ist der Lauf ca. 10mm trompetenförmig verdickt, was die vordere Gasabdichtung im geschlossenen Systemzustand sicherstellt. Der nachgelagerte Laufbund der Mündungskappe läuft wie ein Zylinder intern über eine zweiteilige, kolbenartige Labyrinthdichtung, welche auf dem Lauf ca. mittig angeordnet und fest mit ihm verbunden ist. Hier wird die innere Gasabdichtung des Reaktionsraumes nach hinten bewerkstelligt. Direkt vor der Labyrinthdichtung befinden sich zwei um 180° versetzte Laufbohrungen.

Bis dass das Projektil die Laufbohrungen der Gasbremse überfahren hat, arbeitet der Verschluss als ein ungebremster, nur mechanisch gefederter Masseverschluss. Dieser öffnet bis dorthin (munitionsabhängig!) ca. 1 mm bis max. 1,5 mm. Diese sog. "Sicherheitsstrecke" findet sich bei allen korrekt ausgelegten Masseverschlusspistolen und stellt sicher, daß mittels der Hülsenliderung im Patronenlager praktisch keine Pulvergase nach hinten entweichen können. Nachdem das Projektil die Laufbohrungen passiert hat, strömen gespannte Treibladungsgase in den Reaktionsraum und bremsen ("entschleunigen") über die Verschlusskappe "pneumatisch"-kraftschlüssig auf weniger als 9 mm Verschlussrücklauf den Verschusskörper ab. Die hierfür notwendige Angriffsfläche für den Schwallgasdruck im Verschlusskörper wird mündungsseitig mit dem Ringraumabschluss gebildet. Diese Angriffsfläche ist allerdings kleiner als der Hülsenquerschnitt am Stoßboden, was hiermit sicherstellt, daß immer noch genügend kinetische Restenergie nach der Entgasung des Reaktionsraumes für den weiteren Verschlussrücklauf - bis hin zum Rahmenanschlag - zur Verfügung steht.

Die Gasbremse könnte theoretisch auf einem ca. 9 mm langen Weg der Rücklaufstrecke des Verschlusskörpers wirken. Aber noch innerhalb dieser Strecke verlässt bereits das Geschoss die Mündung, wonach dann der Treibladungsdruck im Lauf und Reaktionskammer schlagartig absinkt. Die Treibladungsgase entweichen nach vorne zwischen der äußeren, nach hinten sich verjüngenden Laufwand des Trompetenlaufes - sowie zeitgleich auch durch die freigewordene, hintere Verschlusskappen-Labyrinthdichtung. Durch die während des Durchfahrens der Sicherheitsstrecke eingeprägten, noch vorhandenen kinetischen Restenergie öffnet sich nun der Verschluss weiter. Hiermit werden die restlichen, nun bereits entspannten Schwallgase in Richtung Mündung aus dem Lauf "gepumpt".

Die Gasdruckhöhe innerhalb des Reaktionstaumes (die "Gasbremse") bestimmt dynamisch die Rücklaufverzögerung. In Folge dessen bewirkt ein ladungsabhängig hoher Gasdruck eine stärkere Verzögerung, ein mittlerer eine mittlere und ein schwacher eine schwache. Die Rücklaufverzögerung des Systems verhält sich also proportional zur Laborierung der Munition, was hierüber sicherstellt, stark unterschiedliche Laborierungen störungsfrei zu verschießen. Nach unten hin findet die Laborierung beim Repetiervorgang allerdings durch die mechanische Rückhaltekraft der Schließfeder sowie den relativ schweren Verschlusskörper ihre Grenze.

Siehe hierzu das Schnittbild unter den Bildern der Weblinks oder [www.mek-schuetzen.de/Blueprints/steyr_gb_cut.gif] Im Kap. 3.4 Innenballistik wird ausführlich auf die Kinematik, bzw. die Innenballistik des Systems eingegangen.

Die Gasbremse arbeitet rein kraftschlüssig innerhalb nur weniger mm als quasi "pneumatische Feder" beschleunigungshemmend.

Verschlussmechanik

Er besteht aus dem Verschlussschlitten mit mündungsseitiger Verschlusskappe und nachgelagerter Mantelhülse, welche intern über die laufseitige Labyrintdichtung gleitet. Besonders stark beanspruchte Flächen sind induktiv gehärtet, um Abriebverschleiß entgegenzuwirken. Die innen hart verchromte Verschlusskappe wird mittels Verriegelungswarzen in einer umlaufenden Nut im hierfür entsprechend verstärkten Vorderteil des Schlittens aufgenommen. Die Bajonettverriegelung wird durch den Eintritt des Federführungsrohres in einem unten angebrachtem Fortsatz der Verschlusskappe gegen Verdrehen gesichert. Die Labyrinthdichtung der Verschlusskappe besteht aus zwei Ringstegen mit je einer Gesamtbreite von ca. 4,5mm. Diese Dichtung verbindet im geschlossenem Verschlusszustand den Schlitten über die Führungshülse formschlüssig spielfrei mit dem Lauf. Für die Funktion der Gasbremse ist dies ohnehin unabdingbar, weil hier die Schwallgasdrücke einwirken.

Hinten wird der Verschluss in 30mm langen Führungsleisten spielarm geführt.

Die Seitenflächen des Verschlusses sind geschliffen, die restlichen Flächen sandgestrahlt. An der Mündung sind die Seitenflächen leicht eingezogen. Damit ist der Verschluss „holsterfreundlich“ gestaltet.

Alle inneren Flächen der Gasbremse sind nicht zu schmieren! Hiermit wird verhindert, dass sich Schmauchrückstände bei längerem Gebrauch ohne Reinigung funktionshemmend absetzen können. Der mündungsseitige Abschluss und die inneren Labyrintdichtungen arbeiten trocken-selbstreinigend und aufgrund der Oberflächenhärtung praktisch verschleißfrei. Nach Ansatz einer schwarzen Patina auf den äußeren Hartverchromung des Laufes - ähnlich einer nicht polierten Brünierung - reinigen sich Labyrintdichtung und Laufdurchführung der Mündungskappe durch ihre Formgebungen von selbst. Verschmauchungen müssen damit nicht entfernt werden: Auch die unter hohem Druck entweichenden Schwallgase minimieren die Verschmauchungsrückstände.

Abzugsystem

Die GB hat ein Abzugspannersystem (Normal- und Spannabzug, „DA/SA“) mit links direkt am Hahn angreifender einteiliger Mitnehmerstange (Abzugsstange). Diese zieht im DA-Modus mit ihrer Stangenrast mittels eines rechtwinkligen Muldenansatzes am Hahn, bis dieser nach seiner DA-Endposition die entsprechende Hahnrast überfährt und damit freigegeben abschlägt. Im SA-Modus greift nach dem Spannen der untere Teil des Abzugsstollens in die SA-Hahnrast. Der Rastwinkel beträgt nominell 10°; der Kriechweg des Abzugs ist ca. 1mm und kann damit als „halbtrocken“ bezeichnet werden. Die Abzugskraft bein SA beträgt ca. 22N, die bei DA ca. 75N und entspricht damit militärischen Anforderungen. Der Abzug ist konstruktiv mit denjenigen anderer modernen, nicht vorgespannten Gebrauchspistolen vergleichbar. Eine Ausnahme bildet bei der GB die Anordnung der Schlagfedern, welche als Torsionsfedern links und rechts auf der Hahnachse angeordnet sind. Ihre Enden stützen sich oben im Abzugsstollen und an der Hahnvorderseite ab. Der Raum im Griffrücken, wo üblicherweise die Schlagfeder untergebracht ist, wird für die MP-Variante zur Aufnahme eines Kadenzbegrenzers freigehalten. Ohne diesen läge die theoretische Schussfolge bei ca. 1200 S/min. Der Schussbegrenzungsmechanismus reduziert diese auf ca. die Hälfte, welche für moderne PDWs üblich ist.

Lauf

Der gehämmerte, innen und außen hartverchromte Polygonlauf ist patronenlagerseitig lösbar und mittels Feingewinde in einem Brillenstück fest mit dem Rahmen (Griffstück) verschraubt. Er hat ein trigonals Profil, welches bisher nur von Steyr so angewendet wurde und minimiert auf Grund der 120° zueinander stehenden - und damit aneinander vorbeilaufenden internen Druckspitzen - die Projektil-Verformungsarbeit. Die Reibungskraft beim Geschossdurchgang ist damit geringer als beim allgemein üblichen hexagonalen Polygon. Die Zug- und Felddurchmesser betragen 9,03 mm und 8,70 mm. Entgegen der bei 9x19 mm üblichen, bereits schon sehr kurzen Drallänge von 250 mm wurde diese bei der GB sogar noch auf 220 mm herabgesetzt, was die Drallgeschwindigkeit - und hierüber die Schusspräzision - auf größere Schussentfernungen zusätzlich erhöht. Die beiden Gasentnahmebohrungen mit Durchmessern von 4,5 mm sind 81 mm vor der Laufmündung schräg eingelassen. Sie liegen direkt vor der Labyrinthdichtung, welche einen Außendurchmesser von 16 mm hat. Sie wird durch zwei ringförmige Ausdehnungen von jeweils 1,4 mm Breite gebildet. An der Laufmündung erweitert sich der Durchmesser von 11,9 mm zur Mündung hin auf 12,6 mm. Auf diesem, ca. 10 mm langem, verdickten Bund schließt das Führungsrohr der Verschlusskappe hinreichend ‚gasdicht’ ab. Die Laufmündung ist außen angefast und innen geringfügig abgesenkt.

Innenballistik

Auf Grund der dynamischen Wirkungsweise des gasdruckgebremsten Masseverschlusses bildet dieses System Eigenschaften ab, welche hier näher betrachtet werden. Zum besseren Verständnis werden die sich überlagernden Kraftschlüsse von Verschlusskörper, Schließ- und Hahnfeder und der Gasbremse getrennt betrachtet.

Vorab: Während der Entwicklung des Systems stand dem Entwickler Hannes Kepplinger keine Hochgeschwindigkeitskamera für eine „Cranz’sche Schusswaffenmomentfotografie“ zur Verfügung. Ausgehend von den hinreichend bekannten Auslegungsprinzipien eines Masseverschlusses und des seit Ende des 2. WK bekannten Barnitzke-Systems wurde die Auslegung der Gasbremse empirisch entwickelt. Es stand jedoch eine Anlage für die Beschleunigungsmessung am Verschlusskörper zur Verfügung. Hiermit wurden dann die konstruktiven Details festgelegt. Hierunter fielen das Volumen des Reaktionsraumes, die Positionierung der Labyrinthdichtung auf dem Lauf, die Anzahl und Positionierung der Gasentnahmebohrungen und deren Durchmesser, sowie auch der mündungsseitige Bajonettverschluss mit Dichtung.

Ein bewährter Ansatz zur hier nun nachträglichen kinematischen Systemerfassung bietet die Energiebetrachtung, bei der unabhängig voneinander Verschlussträger, mechanische Rückholfeder, Hahnfeder und Gasbremse einzeln betrachtet werden. Da die anteiligen Kräfte praktisch auf einer Wirkungslinie liegen, steht einer einfachen Aufsummierung nichts im Wege.

Als Referenzmunition dienste die ehem. 9 x 19 mm Patrone von Hirtenberg mit einem 8,0 g Vollmantelgeschoss. Auf diese Munition wurde ehemals die Waffe auch abgestimmt, was eine Forderung des [ÖBH] war. Bei einer Lauflänge von 136 mm wurde eine V3 = 370 m/s ermittelt.

Vorab hier die Betrachtung des rein mechanisch gefederten Masseverschlusses:

Ohne irgendwelche rückhaltenden Federkräfte liefe der Verschlusskörper mit einer Energie von ca. 12 Nm am Rahmenanschlag auf, was einer Anprallgeschwindigkeit von ca. 8 m/s entspräche. Die Rückholfeder - ein rücklaufverzögendes 1. mechanisches Element - verfügt über die mittlere Kraft von ca. 60 N, welche über eine Rücklauflänge von ca. 45 mm wirkt. Hieraus resultiert nun eine Rückhalteenergie von ca. 2,7 Nm; die Hahnspannarbeit beträgt (nom.) ca. 0,3 Nm. Hiermit beträgt die mechanische Rückhaltearbeit (= Energieaustasch zwischen Verschlussträger und Rahmen) ca. 3 Nm. Aus der reduzierten Rahmen-Anprallenergie von 12 Nm – 3 Nm = 9 Nm ergibt sich hiermit nun eine reduzierte Anprallgeschwindigkeit von ca. 7 m/s. Dieser Wert liegt bereits im Bereich x-beliebiger Masseverschlusspistolen mit relativ leichten Verschlusskörpern. Die GB könnte also auch als reine Masseverschlusspistole arbeiten, ohne das dies zu strukturellen Schäden am Rahmen oder Verschlussträger führte. Bei Verwendung von überdurchschnittlich laborierter Munition erhöhte sich entsprechend der Enegieaustausch, was hierüber in den Anprallflächen aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Strukturschäden führte.

Die Schwallgasentnahmebohrungen zur Aktivierung des Reaktionsraumes (= der "Gasbremse") sind 81 mm hinter dem Patronenlagereingang angeordnet; die „effektive“ Lauflänge ab Geschossbodenkante beträgt bei einer Geschosssetztiefe von 12,5 mm demnach 68,5 mm. Nach der Schussauslösung hat das Projektil für die Strecke 68,5 mm ca. 0,4 Millisekunden benötigt; die Geschossgeschwindigkeit wurde an dieser Stelle nom. mit 345 m/s angesetzt. Der Verschlusskörper hat sich hier um ca. 1,5 mm nach hinten bewegt.

Beim Überfahren der Gasentnahmebohrungen durch den Geschossboden hat sich der Gasdruck von anfangs ca. 2400 bar – auf Grund des sich fortbewegenden Geschosses und der hiermit verbundenen kontinuierlichen Volumenvergrößerung des Brennraumes - auf ca. 500 bis 300 bar verringert. (Die Werte können nur mit dieser Differenz genannt werden, da die unterschiedlich offensiven Kurzwaffen-Pulversorten den Gasdruck an dieser Stelle variieren lassen). Bei der GB dringt dieser stark gespannt durch die beiden Gasentnahmebohrungen in den Reaktionsraum der Gasbremse ein und baut innerhalb der nächsten ca. 0,2 Millisekunden einen Gasdruck auf, welcher über seine wirksame vertikale Prallfläche von ca. 76 mm2 in der Mündungskappe vorn demjenigen des 9 x 19 mm Hülsenquerschnittes am Stoßboden entgegensteht. Hiermit wird nun signifikant der Rückstoßimpuls über die Minderung der in den Verschlusskörper eingeprägten kinetischen Restenergie abgeschwächt.

Unter allen Betrachtungen der "Gasbremse" ist die eines "pneumatischen Dämpfers" am besten geeignet, die zusätliche Rückhaltekraft hinreichend zu erfassen. Er kann wie eine mechanische Feder berechnet werden. Er arbeitet beim Verschlusskörperrücklauf – bedingt durch die mündungsseitige Laufgeometrie mit einer Wirklänge von nur ca. 7,5mm (9mm - 1,5mm!). Danach hat die Mündungskappe bei der Verschlussöffung den vorn trompetenförmig verdickten Teil des Laufes überfahren und die gespannten Schwallgase können nun nach vorn ausstömen. Unter Zugrundelegung eines durch die Gasentnahme reduzierten Mündungsgasdruckes von nur noch ca. 300 bar, der o. a. Prallfläche für die Schwallgaseinwirkung sowie seiner Wirkstrecke, reagiert diese "Feder" mit einer Rückhalteenergie von ca. 5 N. Sie ist damit bereits wesentlich größer als diejenige der mechanischen Federn und reduziert damit über die "Entschleunigung") des Verschlusskörpers die Rahmenanschlagenergie erheblich. Die Rahmenanschlagsenergie des gefederten Masseverschlusses fällt damit von ca. 9 Nm auf nun ca. 5 bis 4 Nm ab. Damit fallen der "2. Rückstoß" und "Hochschlag" deutlich geringer aus als bei formschlüssig verriegelten Pistolen vergleichbarer Größe. Bei schwächeren und stärkeren Ladungen variieren die genannten Werte entsprechend.

Hieraus wird nun auch die Dynamik dises kraftschlüssigen System deutlich. (Die Fachpresse verwendet hierfür gern auch die Begriffe "Dynamischer Masseverschluss" oder "Schwallgasgebremster Masseverschluss").

In die o. a. Betrachtung geht nicht mit ein, dass das Abbrandverhalten von Treibladungen durch die Gasbremse beeinflusst wird. Das Brennraumvolumen des Laufes bis hin zu den Gasentnahmebohrungen beträgt ca. 5,0 cm3; das Volumen des Reaktionsraumes "Gasbremse" ca. 3,5 cm3. In Folge dessen wird der Brennraum des Pulvers durch ein abrupt um ca. 70% vergrößertes Volumen beeinflusst, was die Explosionsgeschwindigkeit im Pulver signifikant vermindert. Das restliche Laufvolumen bis zum Mündungsaustritt des Geschosses beträgt zusätzlich noch einmal ca. 3,5 cm3, was damit einer „äquvivalenten“ Lauflänge von nun bereits schon 19 cm entspricht. Die während des Geschossdurchganges abrupt einsetzende Volumenvergrößerung durch den zusätzlichen Reaktionsraum der GasBremse bewirkt bei schwachen Laborierungen - sowie auch bei extrem offensiven Pulvern - einen abrupten Abfall der Abbrandtemperatur, was wiederum einen signifikanten Gasdruckabfall bewirkt.

V3-Messungen (Mehl BMC-17) haben ergeben, dass schwach geladene Munition (wie z. B. diverse Unterschallmunition) in der Steyr GB regelrecht „verhungern“: Auf Grund der Schwallgasentnahme erreichen hier die Projektile aus dem 136 mm langen Polygonlauf nicht einmal mehr die Mündungsgeschwindigkeiten wie bei einem "starr" verriegelten Brownings mit 102 mm Lauf. Normalerweise entwickeln sehr offensive, typ. "Kurzwaffenpulver" - bis hin zu "sportlichen" Lauflänge von 6“ (152 mm)- Erhöhungen der Mündungsgeschwindigkeiten von ca. 3 – 6 m/s pro 10 mm Lauflänge mehr. Diese Erhöhungen wurden vorab mit anderen Selbstladepistolen verschiedener Hersteller ermittelt und korrelieren auch mit Berechnungen und Tabellen der einschlägigen Fachliteratur.

Beim Verschießen „normal“ geladener Munition mit Lauflängen 102 und einer V3 von ca. 350 – 360 m/s mm werden bei der GB nun immerhin schon um ca. 3-5% erhöhte V3-Werte gemessen. Die hier größere Menge an Offensivpulver "schiebt" nun offensichtlich schon so viel mehr Gasdruck nach, dass der druckmindernde Reaktionsraum nicht mehr so signifikant dekomprimierend wirkt wie bei sehr schwach laborierter Munition bzw. hochoffensiven Pulvern. Ähnliche Ergebnissse werden mit sogenannter "+P" Munitionssorten erzielt (chinesische Norinco "LY 94" 8g VM oder die deutsche "DM 51" 8g VM), die gegenüber 102 mm Lauflängen mit Mündungsgeschwindigkeiten von ca. 370 - 380 m/s Steigerungen in der GB von ca. 5-7% ergeben. Einzige Ausnahme: Die stark geladene Fiocci 7,97 g Combat (Ref. 9ABP), welche aus einem 102 mm Lauf eine V3 von ca. 380 m/s entwickelt, fällt in der GB - trotz ihrer 136 mm Lauflänge - sogar noch auf unter 370 m/s ab ! Aus einem Browning mit 6“-Lauf (z. B. Tanfoglio, Sig-Sauer usw.) entwickelt diese Patrone dagegen eine V3 von über 400 m/s ! (Es wird vermutet, dass Fiocci in dieser Patrone ein extrem offensives Pulver verwendet, welches bei einer abrupt einsetzenden Brennraumvergrößerung mit entsprechend hohem Temperatur- und Druckabfall reagiert).

Dramatisch "punktet" die GB dann aber mit der „knüppelharten“ „L7A1“ 8g VM, welche in britischen Diensten hauptsächlich für die Sten-MPi von Hirtenberg zu Beginn der 1990-er laboriert worden war. Die Treibladung besteht aus ca. 6,7 gr des zweibasigen "militärischen" Kugelpulvers K6210-13 von PBCL. (Zweibasige Pulver weisen gegenüber den einbasigen eine kleinere Druckspitze auf; dafür fällt aber die Druckverteilungskurve danach weniger steil ab. Mittels dieser etwas voluminöseren Druckverteilung "schiebt" die offensive Treibladung auch bei größeren Lauflängen "hinten" besser an, arbeitet hier also quasi fast schon "progressiv". (Anm.: Die L7A1 ist nicht C.I.P.-konform, da sie den max. zul. „NATO“-Gasdruck von 50.000 psi / 3450 bar erzeugt [C.I.P.-Beschussmunition: ca. 3100 bar] - und ist damit für "zivile" Selbstladepistolen weitab von "gut und böse" laboriert). Die nun hauptsächlich für den militärischen Gebrauch entwickelte Steyr GB - strukturell identisch mit einer nie in Serie gegangenen MPi-Variante - wurde für solch extrem stark laborierte Munitionsarten jedoch ausgelegt. Aus der GB verschossen ergibt diese L7A1 nun - mit kaum merklich gesteigertem Rückstoß - eine V3 von 425 m/s, was einer E3 von 723 J entspricht.

Fazit: Die GB benötigt für ihre 136 mm Lauflänge und die „Fütterung“ ihrer Gasbremse ein zumindest leicht phlegmatisiertes einbasiges Offensivpulver - noch beser ein zweibasiges! - um auf entsprechende Leistungsdaten zu kommen.

Visierung

Die 162 mm lange Visierlinie wird aus einem festen, 3,5 mm breiten Leuchtpunkt-Balkenkorn und einer 4,2 mm breiten, verschiebbaren Rechteckkimme mit zwei Leuchtpunkten gebildet. Die Visierung entspricht militärischem Standard. Eine abgesetzte Visierschiene fehlt; die Oberseite des Schlittens ist sandgestrahlt und damit reflexionsfrei.

Rahmen (Griffstück)

Der Griffwinkel beträgt 107° und bietet hiermit auch sehr gute Deutschusseigenschaften. Es besteht aus zwei zusammengeschweißten Blechprägehälften mit geglätteten Schweißnähten, mittels nachträglicher Wärmebehandlung einsatzgehärtet. Diese spezielle Herstellung (Blechprägeverfahren) wurde bereits während des 2. WK in Deutschland entwickelt und revolutionierte die Waffenherstellung. Das Griffstück der „zivilen“ GB ist mit einem anthrazitfarbenen, fein strukturierten Einbrenn-Schrumpflack überzogen, der eine vergleichbare Griffigkeit gewährleistet wie das heute bei Griffstücken üblicherweise fein strukturierte Polymer. Bei der „militärischen“ Variante verzichtete man auf diesen Luxus - Verschluss und Griffstück sind schlicht dunkelgrau phoshatiert. Die Verwendung von Polymerwerkstoffen wurde bereits erwogen, aber wieder fallengelassen: Steyr-Daimler-Puch verfügte reichlich über gute Stahlpressen. Hochfeste, aber gewichtsreduzierte Tiefzieh-Prägeteile konnten damit in hoher Qualität hergestellt werden. Investitionen in Spritzgussmaschinen erübrigten sich hiermit. Die kalt verformende Blechprägetechnik machte außerdem – im Vergleich zur „klassisch“ spanabhebenden Fertigung - mit einer beim Prägevorgang im Material einhergehender Festigkeitserhöhung erheblich reduzierte Materialstärken (GB-Griffstück: nur 1,5 mm!) möglich. Trotz des zweireihigen Magazins ist deshalb das Griffstück nicht zu breit und eignet sich daher auch für relativ kleine Hände. Der separat gefertigte Abzugsbügel aus Polymerwerkstoff ist mit dem Griffstück intern lösbar verschraubt. Die Griffschalen sind aus unzerbrechlichem Kunststoff und werden mit je zwei Schauben am Griffstück gehalten.

Magazin

Es nimmt zweireihig 18 Schuss auf. Der Magazinlippenabstand entspricht dem Patronendurchmesser; das Laden erfolgt damit wie bei einem MPi-Magazin „von oben“. Magazinkörper, Stoßboden sowie auch der Zubringer sind ebenfalls in Blechprägetechnik hergestellte Teile; lediglich die untere Magazinfederführung ist aus Kunststoff gefertigt. Trotz der sehr kräftigen Magazinfeder wird keine Fingerakrobatik mit oder ohne "Ladehilfen" benötigt.

Entwicklungshistorie

Historie der 'Gasbremse'

Die der Steyr Pi 18 zu Grunde liegende Gasbremse wurde bereits 1944 unter Leitung des damaligen Chefkonstrukteurs Barnitzke bei den ehemaligen „Gustloff-Werken“ in Suhl entwickelt. Es fand noch Verwendung im sog. „Gustloff-Gewehr“ bzw. Volksgewehr 1-5, welches in aller Eile speziell für den Volkssturm an der Ostfront entwickelt worden war. Wie auch der Gasdrucklader Sturmgewehr 44 – ein konstruktiv aber völlig anders funktionierendes System - verwendete es ebenso die „Polte“-Kurzpatrone 7,92 x 33. Das VG 1-5 war eine genial einfach konstruierte, für Einzel- und Dauerfeuer eingerichtete Handwaffe, welche dann ab Anfang 1945 noch in Serie ging. Auf Grund der äußerst kritischen Logistik- und Materialversorgungslage kamen aber bis Kriegsende nur noch wenige dieser Maschinenkarabiner zum Einsatz.

Historie der Steyr Pi 18 / GB

Ende der 1960-er Jahre griff man in Österreich bei Steyr-Daimler-Puch die 'Barnitzke-Gasbremse' wieder auf und begann mit einer Anschlussentwicklung. Diese mündete direkt in die „militärische“ Pi 18. Die abschließende Patentschrift vom 6. Dezember 1972 des Steyr-Konstrukteurs Hannes Kepplinger lehnt sich an das Barnitzke-System an, wobei er dieses aber konstruktiv noch verfeinerte und damit den Wirkungsgrad noch wesentlich verbessern konnte.

Als 1972 die ersten Erprobungsmuster der Pi 18 dem Österreichischen Bundesheer zur Verfügung standen, kam jedoch trotzdem kein Kontrakt zustande, obgleich das [ÖBH] die GB stark befürwortete. Die Ursache hierfür war, dass einige Jahre vorher eine ähnlich „inoffizielle“ Entwicklungsaktion mit einer Maschinenpistole, der MPi 69 (Uzi-Klon), in Gang kam. Steyr hatte davon nun Anfang der 1970-er Jahre ca. 5000 Stück „auf Lager“. Man betrachtete bei Steyr die Sachlage nun zunehmend kritisch und legte daher dem Verteidigungsministerium nahe, die MPi 69 nun abzunehmen - und die Pi 18 "als Zugabe" mit dazu zu bekommen. Man konnte sich jedoch auf diesen Kompromiss nicht einigen, und so blieben die 5000 MPi 69 weiter im Keller liegen - und die Pläne der Pi 18 in der Schublade.

Es ist nun nicht nachvollziehbar, weshalb Steyr ab diesem Zeitraum nicht sofort mit der „zivilen“ Vermarktung begonnen hat. Die Pi18 hätte Mitte der 1970-er Jahre mit ihren Leistungsdaten alle anderen damals am Markt verfügbaren Selbstladepistolen im Kal. 9 x 19 mm in den Schatten gestellt. Als dann Ende der 1970-er Jahre dann doch noch ein Lieferkontrakt mit dem ÖBH zugunsten der MPi 69 zustande kam, wurde hierbei die Pi 18 aber "außen vor" gelassen.

Pi 18 SUPERGAU: US-Plagiat „ROGAK/L.E.S. P-18“

Gelegentlich wird immer wieder behauptet (auch teilweise sogar in der renomierten Fachpresse!), dass zuerst der inoffizielle USA-Repräsentant Rogak Inc. für Steyr diese Pistole entwickelt hätte. Später dann - nachdem er fertigungstechnisch damit irgendwie nicht zurecht kam - hätte sich dann Steyr-Daimler-Puch der Sache professionell angenommem. Dieser Irrtum ist aber nur Lyrik, bereichert aber zumindest die Welt der US-Fabeln.

Mitte der 1970er Jahre erhielt der damalige US-amerikanische Steyr-Repräsentant Rogak von einem Steyr-Manager die kpl. Fertigungsunterlagen für die Pi 18. Die näheren Gründe hierfür liegen im Dunkeln. Diese Aktion war eine Fehlentscheidung mit fatalen Folgen, deren Wirkung auch nicht lange auf sich warten ließ. Ob zwischen Rogak und Steyr jemals eine „offizielle“ Lizenzierung bzw. andere autorisierende Vereinbarungen bestanden haben, ist nicht eindeutig geklärt. Steyr dementierte aber zumindest schriftlich auf Grund einer Fachzeitschrift-Anfrage von 1980, dass „... zu keiner Zeit diesbezüglich offizielle Abmachungen zwischen Steyr und Rogak bestanden haben ...“.

Rogak begann Ende der 1970-er – ob nun mit oder ohne Lizenzvereinbarung - die Pistole unter der Bezeichnung "Rogak P-18“ in Südafrika bauen zu lassen und über seine eigene Vertriebsgesellschaft „L.E.S.“ weltweit anzubieten. Er sah aufgrund der Leistungsdaten der Pi 18 hohe Marktchancen, die er auch so rasch als möglich auszuschöpfen gedachte. Produzieren ließ er drei „kosmetisch“ leicht voneinander abweichende Varianten aus rostfreiem Stahl. Entweder war nun Rogak oder sein südafrikanischer Fertigungsbetrieb überfordert oder nicht willens, die vorliegenden Maße, Passungen und Materialkennwerte der österreichischen Pi 18 hinreichend zu interpretieren bzw. anzuwenden. Somit wurden dann diese jetzt als "P-18" bezeichneten Kopien in wesentlichen Details konstruktiv unzureichend gefertigt. Auch die Verarbeitung war sehr dürftig. Dramatischer war jedoch, daß diese "Quick-and-Dirty" schlichtweg auch nur unzureichend funktionierte. Sie galt bald sogar unter US-Waffentestern - die allesamt keine Perfektionisten europäischen Zuschnitts waren - nur noch als "Jammatic" („Automatische Ladehemmung“) oder "polished Junk" („polierter Schrott“).

Bei Steyr in Österreich erwog man nun - entsetzt durch einen zu erwartenden Imageverlust für die noch nicht eingeführte österreichische Pi 18 - eine juristische Auseinandersetzung mit Rogak. Das erledigte sich dann aber "über Nacht" von selbst: Die erste US-„Wondernine“ überlebte nicht einmal die Marktdurchdringungsphase. Nach ca. 2300 verkauften Pistolen wurde 1981 aufgrund des inzwischen ruinösen Images die P-18 Produktion von L.E.S./Rogak Inc. wieder eingestellt.

Bei Steyr hatte zwischenzeitlich mit einer Pi 18 Testwaffe ca. 40 000 Schuss ohne Beanstandungen verschossen. Es war eine erstklassig funktionierende und hervorragend verarbeitete Waffe. Die ersten österreichischen Pistolen - unter der neuen Bezeichnung "GB" - kamen dann allerdings erst 1982 auf den Markt. Von der Bezeichnung "Pi18" hatte man sich schon deshalb schnell verabschiedet, um einer Verbindung zum US-Desaster "P-18" möglichst aus dem Wege zu gehen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, wie sich sehr bald herausstellen sollte.

Vermarktung

Ausschreibung Österreichisches Bundesheer

Auf Grund personeller Veränderungen bei den zuständigen Stellen des Bundesheeres sowie auch bei der Steyr-Daimler-Puch AG waren inzwischen langjährig gewachsene Beziehungsgeflechte stark geschwächt worden. Das zwischenzeitlich vom Bundesheer erstellte Lastenheft konnte damit von einem anderen, äußerst agilen österreichischem "Newcomer"-Hersteller stark beeinflusst werden.

Mitte 1982 begann beim Österreichischen Bundesheer die Erprobung für die neue Ordonnanzpistole. Außer der Steyr GB wurden auch getestet: Beretta 92, Glock 17, H&K P 80 (= geringfügig modifizierte P 7) sowie die SIG 220, 225, 226. Die damals noch fast unbekannte heimische Glock 17 ging als Sieger der Ausschreibung hervor. Der Anfangsbedarf lag bei ca. 25 000 Pistolen. Angeschafft wurden dann sukzessive ca. 28 000 Stück.

Ausschreibung US-Army und Erprobung Joint Services Small Arms Program (JSSAP) XM9

Enttäuscht und beschämt, im eigenen Land von einem „No-Name“-Mitbewerber geschlagen worden zu sein, nahm Steyr-Daimler-Puch mit der GB dann ab 1984 an einer US-amerikanischen Heeresausschreibung teil. Dieser war eine Luftwaffenausschreibung vorausgegangen, welche das Heer aber nicht anerkannte. Die Heereserprobung „XM9“ sollte eine geeignete Seitenwaffe „M9“ im Kaliber 9 mm x 19 als Ersatz für die als inzwischen veraltetet geltende Colt Government M 1911A1 ermitteln. Amerikanische und europäische Hersteller nahmen an der Erprobung teil: Beretta, Colt, FN, H&K, SIG-Sauer, Smith&Wesson, Steyr und Walther. Glock nahm an dieser Ausschreibung nicht, weil man einige Randbedingungen der Ausschreibung – z.B. im Auftragsfall auch die Offenlegung von Fertigungsdetails sowie auch die Abtretung von Patentrechten - nicht akzeptierten wollte.

Die amerikanischen XM9-Waffentester waren wieder besonders von der GB beeindruckt: Hohe Präzision, Feuerkraft und Zuverlässigkeit sowie ein niedriger Rückstoß auch bei Verwendung extrem stark geladener Sondermunition zeichneten diese militärische Seitenwaffe aus. Sie "stolperte" dann aber - kurz vor der Endausscheidung - über irgendeine technisch, sehr nebensächliche „Shall“-Bedingungen der 72 geforderten. Das dann ausgerechnet Beretta mit ihrem zwischenzeitlich modifizierten Modell 92 Beretta 92S-BF 'Brigadier' den Zuschlag bekam, kann sich nur jemandem erschließen, der die Eigenarten von politisch beeinflussten Erprobungs- und Vergabepraktiken kennt. Diese entwickeln gelegentlich merkwürdige Eigendynamiken, welche aber nicht nur auf den amerikanischen Kontinent beschränkt sind. (Siehe hierzu Beitrag unter dem u.a. Link "the gunzone"). Stark beeinflusst wurde die Entscheidung u. a. aber auch vom Preis. Und sicherlich auch von der Gegebenheit, daß Beretta in Bundesstaat Maryland bereits eine Fertigungsstätte für die Bedienung des zivilen US-Marktes hatte, was sehr dem "Buy American" entgegenkam. Damit konnte die Wertschöpfung auch für die militärische Seitenwaffe M9 größtenteils in den USA stattfinden. Der M9-Kontrakt war anfänglich für 316 000 Pistolen ausgelegt und wurde später dann auf fast 500 000 erhöht.

Zivile Vermarktung

Steyr erhielt zwar in den Folgejahren einige internationale kleinere Aufträge für militärische, paramilitärische sowie polizeiliche Spezialeinheiten - u.a. auch für die Special Forces in den USA sowie dem Libanon und in Pakistan. Auch namhafte Geheimdienste interessierten sich für die GB, u.a. auch das ehemalige MfS der DDR („Stasi“), welches via USA ca. 100 GB beschaffte. Das Bundeswehrbeschaffungsamt BWB begnügte sich mit ca. 10 Stück; für welchen speziellen Zweck ist nicht bekannt. Alles zusammengenommen konnten aber die vielen kleinen Kontrakte nicht den Verlust der österreichischen und amerikanischen Großaufträge kompensieren. Steyr bemühte sich nun, mit der GB international in die zivilen Märkte einzudringen. Zu diesem Zeitpunkt war das - in Folge vieler Neuentwicklungen namhafter internationaler Hersteller - nicht gerade einfach. In den USA trat zwar Mitte der 1980-er das Kaliber 9 x 19 mm mit den vielen neuen europäischen, sogenannten „Wondernine“-Pistolen seinen Siegeszug an, am häufigsten gefragt waren dort aber jedoch die gekürzten Kompaktvarianten. Die GB gab es in diesem Zeitraum jedoch nur als die „militärische“ Variante in voller Größe! Für „Zivilisten“ war sie damit in der Regel meist etwas zu „klotzig“. Die GB entspricht in ihren Abmessungen ziemlich genau der Beretta 92.

Steyr konnte Anfang der 80er mit der GB auch nicht in der damals international aufkommenden PPS-Szene (Praktisches Pistolenschießen, heute IPSC) signifikant Fuß fassen. Auf Grund ihrer ausgezeichneten Schnellschussfähigkeit und hohen Feuerkraft eignet sich die GB ganz hervorragend sowohl für das taktische sowie auch das IPSC-Schießen. Eine Einschränkung findet sich aber in der (versportlichen!) IPSC-Regel, den Wettkampf-Parcours mit gespanntem Hahn und gesichert "cocked & locked" anzutreten, was ein altes Kavallerie-Relikt aus den "1911-er"-Zeiten pflegt. Da die GB aber an Stelle der manuellen Sicherung eine "taktische" Schlaghebel-Entspannvorrichtung hat, wäre der Schütze beim ersten Schuss hiermit auf den Spannabzug angewiesen. Es wurde von Steyr nun versäumt, eine Variante mit „klassischer“ Sicherung nachzuschieben, um dieser IPSC-Anforderung zu entsprechen. Trotzdem sehr beliebt wurde die GB dagegen bei Pistolenschützen, die in der o.a. Einschränkung für sich selbst kein Hindernis sahen, sowie auch keine Berührungsängste bezüglich der ungewohnten Verschlusstechnik und dem unkonventionellen, etwas futuristisch anmutenden Äußeren hatten.

Renommierte internationale Waffentester begeisterten sich an der GB. Sie lobten einstimmig die solide Ganzstahlkonstruktion, Präzision, Schussleistung, Funktionalität, die perfekte Griff-Ergonomie, die hervorragende Handhabung und die gefällig-elegante Formgebung. Das jedoch immer noch nachwirkende Desaster um die äußerlich ähnliche „L.E.S. P-18“ hat dann - zumindest in den USA - verhindert, daß die verstärkten Marketingmaßnahmen dort Mitte der 1980-er zu wesentlich höheren Verkaufszahlen geführt haben. Und nur diese - oder ein wesentlich höherer Preis - hätten nach der Ansicht von Steyr eine weitere profitable Vermarktung ermöglicht.

1986 bot Steyr für die GB als Ergänzung zusätzlich einen in die Verschlusskappe integrierten Kompensator an, der an Stelle der Standard-Verschlusskappe eingesetzt werden konnte. Er ist speziell für die Verwendung von sehr stark geladener militärischer- oder IPSC- Sondermunition gedacht. Er wirkt direkt auf den Verschlusskörper (Schlitten) und verringert nochmals Rückstoß und Hochschlag, weil die Bewegungsenergie des Schlittens am hinteren Anschlag nun nahezu ganz kompensiert wird. In Folge dessen kann die Treffpunktlage bei rascher Schussfolge nochmals optimiert werden.

Der US-Markt war das Schicksal der GB: 1987 teile Steyr dem US-Importeur "Gun South" mit, dass aus Wirtschaftlichkeitsgründen der Preis für die GB von ca. 600 $ auf ca. 750 $ angehoben werden müsse. Mag sein, dass Steyr mit dieser Preiserhöhung etwas zu ungeduldig agierte, denn alle sog. „Wondernines“ befanden sich Mitte der 80er-Jahre noch in der Markteindringungsphase und erwirtschafteten - besonders in den USA - nur mäßige Gewinne. Beretta 92 FS und Steyr GB kosteten beide Mitte der 80er in den USA ca. 600 $. Damit war die Beretta mit ihrem Duralgriffstück im Vergleich zur Ganzstahl-GB eigentlich zu teuer, verkaufte sich aber trotzdem ohne Probleme.

Steyr war Mitte der 80er mit der GB auf Grund ihrer Leistungsdaten bestens aufgestellt. Man wäre es auch heute noch. Gun South war aber der Ansicht, dass damals ein Preis von ca. 750 $ für die GB in den USA nicht durchsetzbar gewesen wäre. Man hatte dort auch anscheinend das Desaster mit der L.E.S./Rogak P-18 noch nicht ganz aus dem Köpfen bekommen. Steyr erachtete die Einwände des US-Importeurs als plausibel, und in Ermangelung fehlender Erkenntnisse aus besseren und zuverlässigeren Quellen wurde nun bei Steyr weitab "am grünen Tisch" beschlossen, die Fertigung der GB einzustellen. Weder Beretta, Walther oder SIG-Sauer hatten später Probleme, ihre Produkte zu sogar noch höheren Preisen zu vermarkten. Marketingtechnisch war das – nach der Sache mit L.E.S./Rogak - die zweite große Fehlentscheidung. Und im Hinblick auf die sich damals bereits abzeichnenden Trend zu noch stärkeren Kalibern hätte die GB auf Grund ihres revolutionären Verschlusssystems das Aufwuchspotential hierfür sichergestellt. Eine Eigenschaft, die im Zeitraum uneingeschränkt nur die Pistolen von Glock erfüllen.

Am 25. November 1988 erfolgte die letzte GB-Lieferung in die USA mit 633 Stück. Steyr hatte bis dato ca. 20 000 Stück hergestellt.

Der Fall „Steyr GB“ zeigt drastisch auf, daß allein nur die Leistungsdaten über den Werdegang einer Waffe nicht entscheiden. Zeitpunkt der Markteinführung, negative wie positive Begleiterscheinungen, politische und wirtschaftliche Kausalitäten sowie marketingtechnische Unzulänglichkeiten entscheiden oft mehr darüber, ob eine Waffe über Jahrzehnte hinweg Furore macht - oder ob sie vom Markt "sang- und klanglos" einfach wieder verschwindet. Als gesichert kann jedoch gelten, daß die mehr als unglücklichen Vorgänge um die Rogak „Rogak/L.E.S. P-18“ der Steyr GB sehr im Weg gestanden haben. Bei etwas glücklicheren Begleitumständen hätte sich die GB auf Grund ihrer Leistungsdaten mindestens ähnlich wie die ebenfalls aus den 1970-er Jahren stammende tschechoslowakische Ceska Zbrojovka Brünner M 75 (CZ 75) durchsetzten können.

Quellen

Hannes Kepplinger, Pi 18 / GB-Konstrukteur (ehem. Steyr-Daimler-Puch Werke)

Peter Dannecker: Verschlussysteme von Feuerwaffen

DWJ: Diverse Veröffentlichungen über die Steyr GB und Rogak/L.E.S. P-18

Weblinks