Selbstspannender Zylinderverschluss des Franz v. Dreyse

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'Der selbstspannende Zylinderverschluss des Franz v. Dreyse

Vorgeschichte

Dem später für seine Verdienste geadelten Nicolaus Dreyse war mit seinem Infanteriegewehr M 41 der große Wurf gelungen. Das bei diesem Gewehr angewandte Verschluss-System wurde, bis auf einige kleine technische Veränderungen das Standard-Verschluss-System der preußischen Hinterladungswaffen und nach 1866 auch das der meisten anderen deutschen Staaten. Nachdem es, um eine bessere Gasdichtheit zu erzielen, nach Beck aptiert wurde, kam nach 30 Jahren die Ablösung in Form des Systems Mauser M 71.

Natürlich kam dieser Erfolg nicht über Nacht, sondern war eine kontinuierliche Verbesserung der ersten Vorderladermilitärgewehre mit Zündnadelzündung von 1827 bis zu den Vorserienwaffen von 1836/37, die schon fast dem späteren System M 41 entsprachen. Ständige fertigungstechnische Verbesserungen flossen in die Zündnadelmodelle ein, ohne jedoch am eigentlichen Grundprinzip des Verschluss-Systemes etwas zu ändern.

Der Verschluss besteht aus der an den Lauf angeschraubten Patronenhülse, in der sich der Verschlusszylinder bewegen lässt. Im geschlossenen Zustand stützt sich der Kammerstengel an der Patroneneinlage ab und stellt so die Verriegelung her. Im Verschlusszylinder ist der Nadelbolzen mit der eingeschraubten Zündnadel längsbeweglich gelagert. Am vorderen Ende wird der Verschlusszylinder durch die Kompressionskammer abgeschlossen, in die das Nadelrohr eingeschraubt ist, welches die Aufgabe hat, die Zündnadel zu lagern und vor den heißen Verbrennungsgasen zu schützen. Am rückwärtigen Ende ist das Schlößchen mit der Sperrfeder eingesetzt. Die Abdichtung des Verschlusses geschieht durch den konischen Laufmund in Zusammenwirken mit dem entsprechend geformten Verschlusskopf, wenn beim schließen des Verschlusses die Schrägen des Kammerstengelfußes und der Patroneneinlage diese gegeneinander drücken.

Bei der Adaption nach Beck wird der in die Kompressionskammer hineinreichende Teil des Nadelrohres abgeschnitten und durch einen Metallschild ersetzt, der unter Einwirkung der Pulvergase einen Kautschukring gegen die Rohrinnenwand drückt und so den Lauf nahezu gasdicht abschließt. Um die Waffe feuerbereit zu machen, muss man zuerst die Sperrfeder des Schlößchens niederdrücken und das Schlößchen zurückziehen. Dann kann der Kammerstengel nach links umgelegt und die Kammer zurückgezogen werden. Nachdem nun die Patrone in den offenliegenden Rohrmund eingeschoben wird, hat man die Kammer vorzuschieben und mit einem kräftigen Schlag auf den Kammerstengel zu verriegeln. Damit ist das Gewehr aber noch nicht schußbereit, denn um das Schloss zu spannen muss man noch das Schlößchen vordrücken, bis die Sperrfeder einrastet.

Bei später entwickelten Konkurrenzmodellen, etwa dem französischen Chassepotgewehr von 1866 ist das Verschluss-System schon so weit verbessert, dass das separate Vordrücken des Schlößchens entfallen kann. Um den Verschluss zu öffnen, muss es jedoch auch zuerst zurückgezogen werden. Die weitere Entwicklung auf dem Waffensektor zeigte jedoch, dass man um eine konkurrenzfähige Waffe zu besitzen, ein Verschluss-System entwickeln musste, das sich beim Öffnen oder Schließen der Kammer selbständig spannte.

Vorliegende Waffe

Franz von Dreyse, der Sohn des 1867 gestorbenen Nicolaus von Dreyse, hat ein selbstspannendes Verschluss-System entwickelt und dabei einige Elemente und Funktionsprinzipien seines Vaters übernommen. Er hatte damit aber auf die Lösung der Gewehrfrage im Deutschen Reich keinen Einfluss mehr. Es sind zwar einige Prototypen selbstspannender Militärzündnadelgewehre bekannt, letztendlich hat sich aber das Mauser Modell M 71 gegen alle Konkurrenten durchgesetzt. Auf dem zivilen Waffensektor hatte das Verschluss-System von Franz von Dreyse jedoch eine weite Verbreitung gefunden, wie vorhandene Realstücke belegen.

Das hier vorgestellte Realstück einer Jagdbüchse wurde nach dem Patent von 1874 hergestellt und war ursprünglich eine Zündnadelbüchse. Später wurde sie, wohl von einem provinziellem Büchsenmacher auf Schlagbolzenzündung umgebaut. Ein Schwefelabguß des Patronenlagers ergab in etwa das Kaliber 11,5 x 40 R. Aufgrund des Zustandes des Patronenlagers lässt sich sagen, dass es zwar beim Umbau im hinteren Bereich neu ausgerieben wurde, auf die Gesamtlänge des Lagers hatte dieser Umbau aber keinen Einfluss. Die Jagdbüchse hat die Seriennummer 28 xxx, ist 111 cm lang und alle Metallteile, inklusive der Schrauben, sind graviert und zum Teil mit Silbereinlagen (Hülse) versehen. In den 60 cm langen Lauf ist zwischen Standvisier und Hülsenkopf F. v. Dreyse Sömmerda in Silber eingelegt und auf dem Hülsenkopf das Wort Patent. Das Perlkorn ist ebenfalls, wie die zwei zwischen Korn und Mündung eingelegten Zierringe, aus Silber. Der Halbschaft besitzt eine Backe und am Kolbenhals mit Fischhaut eine eingelegte silberne Daumenplatte mit Krone und Monogramm. Die Befestigung des Laufes im Schaft erfolgt mit einem Schieber, und das System ist, mit den bei Dreyseschen Zündnadelgewehren üblichen zwei Schrauben befestigt. Die Abzugsbügelverlängerung des druckpunktlosen Abzuges ist aus Horn geschnitzt.

Funktionsbeschreibung des Verschlusses

Der von Franz von Dreyse entwickelte Zylinderverschluss weist gegenüber den zeitgenössischen Konkurrenzmodellen einige Besonderheiten auf, so sind die Spannkurven des Schlosses nicht sichtbar im Inneren des Verschlusszylinders angebracht. Eine der schrägen Flächen befindet sich am Verschlusskopf, die andere ist direkt mit dem Schlagbolzen verbunden. Der Schlagbolzen ist längsbeweglich im Verschlusszylinder gelagert, ein Verdrehen desselben ist aufgrund einer länglichen Feder, die in eine entsprechende Ausnehmung im inneren des hohlen Verschlusszylinders greift, nicht möglich. Der separat am Verschlusszylinder angesetzte Verschlusskopf stützt sich mit zwei angefräßten Flächen im vorderen Drittel der Patroneneinlage ab, so dass er beim Öffnen die Drehbewegung des restlichen Verschlusses nicht mitmachen kann. Dadurch wird der Schlagbolzen beim Öffnen zwangsläufig nach rückwärts gedrückt. Die Führung des Schlagbolzens erfolgt im Verschlusskopf durch ein "Nadelrohr" wie beim Zündnadelverschluss, und im hohlen Verschlusszylinder durch einen Zylinder, an dessen vorderen Ende die Spannkurve ausgebildet ist. Noch bevor die Drehung des Verschlusses ganz beendet ist, ist der Spannvorgang abgeschlossen und die beiden senkrecht zur Schlagbolzenachse stehenden Flächen am Ende der Spannkurven stützen den Schlagbolzen beim weiteren Öffnen des Verschlusses gegen den Druck der Schlagfeder ab. Da die Anlageflächen für den Verschlusskopf nur im vorderen Drittel der Patroneneinlage ausgebildet sind, muss dieser beim weiteren Öffnen und insbesondere beim Ausbauen des Verschlusses gegen ein Verdrehen gesichert werden. Dazu ist im hinteren Bereich eine Warze vorhanden, die sich bei Ausbau des Verschlusses an den, in die Hülsenbrücke eingefrästen, gebrochenen Kammergang abstützt. Schließt man nach dem Einlegen der Patrone wieder den Verschluss, so wird der Schlagbolzen vom Abzugsstollen gehalten und die Waffe ist feuerbereit, die Verriegelung erfolgt einseitig durch die Anlage des Kammerfußes an die Hülsenbrücke. Im gespannten Zustand ist der Schlagbolzen im hinten offenen Schlößchen sicht- und fühlbar, so dass über den Zustand der Waffe kein Zweifel besteht. Am hinteren Ende des Verschlusses ist eine weitere schräge Fläche angebracht, die im Zusammenhang mit einer Schräge an der Hülsenbrücke beim Öffnen des Verschlusses die Patronenhülse lockert, so dass sie ohne weitere Probleme ausgezogen werden kann.

Die Waffe besitzt zwar einen Auszieher, aber keinen Auswerfer, so muss man die abgeschossene Patronenhülse entweder von Hand oder durch ein seitliches Verdrehen der Waffe entfernen. Eine weitere Besonderheit stellt das Schlößchen dar, es ist mittels einer Nase in einer J-förmigen, nach hinten offenen Steuerkurve, im Verschlusszylinder gelagert. So kann bei gespanntem Schloss dieses einfach durch Eindrücken und einer leichten Linksdrehung des Schlößchens entspannt werden. Da die Steuerkurve jedoch wie bereits beschrieben nach hinten offen ist, muss das Schlößchen, damit es nicht von der Schlagfeder aus dem Verschluss gedrückt wird, gehalten werden. Dies geschieht durch eine Nase am Schlagbolzen, die verhindert, dass das Schlößchen in dieser Stellung abgenommen werden kann. Wird die Waffe auf diese Art entspannt, schwenkt sich einerseits der Betätigungsflügel des Schlößchens in die Visierlinie, anderseits wird die Nase des Schlößchens, die etwas über den Verschlussdurchmesser hinaussteht in eine Aussparung der Hülsenbrücke gelegt, und verhindert so ein ungewolltes Öffnen des Verschlusses.

Zerlegen des Verschlusses

Um den Verschlusszylinder auszubauen und zu zerlegen, sind folgende Schritte notwendig: Zuerst ist der Verschluss zu öffnen und bei durchgezogenem Abzug aus der Hülse zu ziehen. Anschließend wird der Verschluss mit dem Schlößchen entspannt und dann kann der Verschlusskopf bis zu der angebrachten Markierung gedreht und abgezogen werden. Nachdem dann der Schlagbolzen gegen eine feste Unterlage gedrückt wird kann das Schlößchen wieder eingedrückt werden, wobei der Schlagbolzen freikommt und gegen den Widerstand der Schlagfeder entnommen werden kann. Ist dies geschehen, kann das Schlößchen abgezogen werden und der Verschluss ist in seine Hauptbestandteile zerlegt. Der Zusammenbau geschieht sinngemäß in umgekehrter Reihenfolge.

Zusammenfassung

Das hier vorgestellte selbstspannende Verschluss-System zeigt gegenüber den sonstigen zeitgenössischen Entwicklungen einige Besonderheiten. In der Handhabung sei hierbei besonders das einfache Spannen und Entspannen des Verschlusses genannt, das einfach und wirkungsvoll geschieht.

Einer weiteren Verbreitung stand wohl nur die Tatsache im Wege, dass es zu keiner Einführung bei einer Millitärmacht kam, obwohl es zur Zeit seiner Konstruktion den anderen Systemen ebenbürtig war. Eine zivile Verwendung fand hingegen statt, aber die Auslegung mit der nur einseitigen Verriegelung ließ eine Verwendung bei rasanten Nitro-Patronen nicht zu, so dass das Ende mit dem Aussterben der Schwarzpulver-Patronen einherging. Es gab zwar eine Neukonstruktion für Nitro-Patronen, aber diese konnte die sinkenden Absatzzahlen des Unternehmens nicht mehr aufhalten, so dass die Waffenfabrik Dreyse 1901 von der Rheinischen Metallwarenfabrik aufgekauft wurde. Übrig blieb nur der klangvolle Name und eine Vielzahl von Entwicklungen, angefangen mit dem berühmten Zündnadelgewehr von 1841 bis zu dem hier vorgestellten Verschluss-System.