Post Shooting Syndrom

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Und nach dem Schuss?

In der letzten Zeit ist in Waffen- Online und im alten Visier-Forum sehr viel zur Selbstverteidigung, auch mit Schusswaffen, geschrieben worden. Was bisher überhaupt nicht zur Sprache kam, ist die Frage, wie man hinterher damit umgeht, auf einen Menschen geschossen zu haben, oder damit, dass auf einen selbst ein Angriff auf Leib und Leben verübt wurde.

Beides sind Erfahrungen, die keineswegs normal in unserer Gesellschaft sind und daher oft auch nicht als normal verarbeitet werden. In diesem Zusammenhang muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass etwa die Hälfte der Menschen, die solch eine Situation erleben, diese relativ unproblematisch verarbeiten.

Gehen wir einmal vom ersten Fall aus, also dass man selbst auf einen Menschen geschossen hat, ihn womöglich getötet hat.

Was gehen einem in solch einem Fall für Gedanken durch den Kopf?

Habe ich ein moralisches Recht dazu, ein Menschenleben zu beenden?

Habe ich ein gesetzliches Recht dazu?

Hätte ich es anders machen können?

Ich bin schuld am Tod eines Menschen!

Warum hat der I***t mich dazu gezwungen, schießen zu müssen?

Warum bin ich nicht weggelaufen, als ich es noch konnte?

Was kommt an Strafverfahren auf mich zu?

Wie sehen mich meine Frau, meine Kinder jetzt, nachdem ich jemanden getötet habe?

Wie werde ich zukünftig in solchen Situationen handeln?

Was werde ich fühlen, wenn ich das nächste Mal eine Waffe in die Hand nehme?

Usw., usf.


Diese und andere Fragen kreisen im Kopf! Ohne Pause! Tagelang! Hinzu kommen Phasen, in denen man sich plötzlich wieder in der Situation fühlt, teilweise wie in einem Film. Und Schlafstörungen. Und Alpträume. Und Angst. Und Ruhelosigkeit. Und Wut.

Was ist das? Alles das ist eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis! In Fachkreisen wird es als "Post-traumatische Stress-Reaktion" bezeichnet. Es ist kein "Post-Shooting-Syndrom" oder "Post-traumatisches-Stress-Belastungs-Syndrom"! Die letzten beiden bezeichnen krankhafte Zustände, während das erste eine normale Reaktion ist! Gemeinsam ist allen, dass die Symptome - von sich aufdrängenden, nicht kontrollierbaren, Erinnerungen (Intrusionen), - von einem Zustand der permanenten Übererregung und - von Vermeidungsverhalten ("Ich geh' da nicht wieder hin!") gekennzeichnet sind.

Wie lange diese Reaktion anhält, ist eine sehr individuelle Frage. Bei einigen ist sie bereits nach wenigen Stunden verschwunden, bei anderen kann sie wochenlang anhalten, bevor sie abklingt. Beides ist normal und abhängig von dem erlebten Ereignis und der Persönlichkeit.


Was kann man nun tun, um diese Symptome, die in aller Regel als sehr unangenehm empfunden werden, zu lindern und möglichst zu beseitigen?

Im weitesten Sinne mit aktiver Trauerarbeit. Die Symptome der akuten Belastungsreaktion sind sehr ähnlich denen, die bei dem Verlust eines nahe stehenden Menschen auftreten, so seltsam das in diesem Zusammenhang auch klingen mag.

Es sollten dabei einige Dinge beachtet werden. Zunächst muss für den Betroffenen Sicherheit herrschen. Das klingt banal, aber wenn zum Beispiel das ganze in einem Hochhaus passierte und der Beschossene noch nicht gefunden wurde bzw. das Haus noch nicht durchsucht wurde, ist für den Schützen die Situation noch nicht sicher! In diesem Falle wären Gespräche absolut sinnlos, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen. In dieser Phase sind die Betroffenen meist emotional zu hochgefahren, als das eine echte Verarbeitung möglich wäre. Trotzdem sollten jetzt schon Gespräche geführt werden, nur sollten diese sich möglichst nur mit den Fakten beschäftigen und die Gefühle nicht berühren. Ebenso wenig, und das gilt für alle Gespräche, darf keine Wertung abgegeben werden!

In aller Regel finden intensivere Gespräche frühestens 24 Stunden nach dem Ereignis statt. Dann können die Gespräche auch tiefer gehen. Dabei muss der Betroffene aber das Gefühl haben, dass er mit seiner Reaktion ernst und auch angenommen wird. Schlimm wäre es, wenn er das Gefühl hat, seine Probleme mit dem Ereignis werden nicht für voll genommen! Somit ist Annahme ein weiterer wichtiger Punkt in der Nachbereitung von solchen Zwischenfällen. Auch wenn man selbst die Situation lange nicht als so schlimm empfindet, ist es sehr wichtig, zu akzeptieren, dass es dem Betroffenen damit schlecht geht.

Damit wäre man bei einem weiteren Punkt, den Reaktionen des Betroffenen. Er braucht in diesem Moment das Gefühl, dass seine Emotionen und körperlichen Sensationen von anderen nachempfunden werden können. Hierdurch werden sie in erheblichem Masse normaler für ihn und genau so sollte man sie ihm auch widerspiegeln, als normal. An dieser Stelle ist es wichtig, zu fühlen, wie der Betroffene empfindet und hierauf behutsam einzugehen.

Wenn der Betroffene seine Gefühle erkannt hat (diese sind häufig versteckt oder tabuisiert, insbesondere wenn es um Wut und Ärger geht) und diese benennen kann, ist er ein gutes Stück weiter. Denn er hat solche Gefühle mit Sicherheit vorher auch schon einmal gehabt und ist mit ihnen fertig geworden. Hier hilft es ihm, wenn er erkennt, was seine Ressourcen sind, also wie er solche Gefühle abreagieren kann. Häufige Möglichkeiten sind Sport, Musik, allgemein Entspannung, wie Spaziergänge, Sauna usw. oder auch einfach Ablenkung, wie Kino oder Theater. Oft sind auch Dinge wichtig, die erst einmal wieder Ordnung in das Leben bringen, so dass viele Betroffene anfangen, ihre Wohnung aufzuräumen, sauber zu machen und ähnliches. In jedem Fall sollten Betroffene ermutigt werden, aktiv zu werden und etwas für sich zu tun. Nur damit gewinnen sie die Kontrolle über ihr eigenes Leben zurück!

Alle diese Dinge dienen dazu, den Betroffenen in die Realität zurückzuholen und den "schlechten Film" zu beenden. Hierzu gehört auch, Zukunftsperspektiven zu entwickeln, sowohl kurzfristig (am wichtigsten) als unter Umständen auch langfristig. Ganz nach dem Motto "Das Leben geht weiter". Das klingt zwar platt, aber genau darum geht es. Betroffene müssen wirklich lernen, dass die katastrophale Situation zu Ende ist und das normale Leben wieder anfängt! Man sollte versuchen, einen möglichst konkreten Plan für die nächsten Stunden und Tage zu erarbeiten.

Ein Kollege sagte einmal, dass die Genussfähigkeit wieder hergestellt werden muss. Besser kann man es eigentlich nicht ausdrücken.


Solche Gespräche sollten etwa in einem zeitlichen Abstand von ein bis zehn Tagen nach dem Ereignis stattfinden.

Wer sollte solche Gespräche führen?

Am besten Personen, die dafür ausgebildet sind. Diese sind nicht unbedingt Therapeuten! Genauso wenig ist eine post-traumatische Betreuung irgendeine Form der Psychotherapie!! Aber am wichtigsten ist, dass irgendjemand diese Gespräche führt! Lasst die Betroffenen nicht allein! Jeder, der einigermaßen einfühlsam ist, kann die richtigen Worte treffen, oder einfach nur zuhören.


Das oben Geschriebene basiert in erster Linie auf dem SAFER-Modell von Prof. Jeffrey Mitchell, der sich intensiv mit posttraumatischer Betreuung beschäftigt. In diesem Modell geht man davon aus, dass bei Einsatzkräften am ehesten andere Einsatzkräfte mit dem gleichen beruflichen Hintergrund Zugang zu den Betroffenen finden, so genannte "PEERS". Diese arbeiten im Team mit psychosozialen Fachkräften (Ärzte, Psychologen, Priester, Sozialarbeiter usw.) zusammen, so dass eine kollegiale, aber auch fachliche Betreuung gewährleistet wird. Insbesondere, wenn mehrere Personen betroffen sind, haben solche Gruppengespräche einen positiven Effekt. Zum einen erkennen die Betroffenen, dass es auch anderen so besch..... geht wie ihnen, zum anderen werden möglichst viele Fakten zusammengetragen, damit letztendlich alle ein gemeinsames Gesamtbild der Situation haben und jeder weiß, wer wo warum war und was gemacht hat. Als Team-Erfahrung ist dies für die Zukunft sehr wertvoll und wichtig. Gleichzeitig werden die Selbstheilungskräfte eines solchen Teams in aller Regel verstärkt. Da in den Gesprächen sehr offen geredet wird, erreicht man oft eine andere Kommunikations- und Vertrauensbasis in der Gruppe. Das ist für die Verarbeitung zukünftiger Ereignisse sehr hilfreich!


Für Polizeibeamte in NRW stehen Betreuungsteams rund um die Uhr zur Verfügung und können bei Bedarf über das LKA in Düsseldorf angefordert werden. Ähnliches gibt es bei Polizeien in anderen Bundesländern, bei Feuerwehren und in einigen Krankenhäusern und Rettungsdiensten. Meines Erachtens eine sinnvolle Einrichtung, die helfen kann, schlimme Ereignisse besser zu Verarbeiten und Gruppen für die Zukunft zu stärken.

Sicher gibt es auch andere Möglichkeiten der Betreuung, aber ich habe nur Erfahrungen in der Mitchell-Methode, weshalb ich auch nur diese vorgestellt habe.


Noch kurz etwas zur "Post-traumatischen-Belastungsstörung" oder "Post-shooting-Syndrom". Beides bezeichnet einen Krankheitszustand. Bekannt geworden ist diese Erkrankung durch die Veteranen des Vietnam-Krieges, die in einer hohen Zahl darunter leiden und bei denen sie zum ersten Mal überhaupt als Krankheit anerkannt wurde. Ältere Bezeichnungen sind z. B. "Shell-shock" aus dem I.WK oder das "Verschütteten-Trauma" aus dem II.WK. Gemeint ist bei allen, dass die Beschwerden, die ich zu Anfang geschildert habe, über Monate und Jahre bestehen bleiben. Die Betroffenen leiden massiv darunter!

Von einer solchen Krankheit kann man aber nur dann sprechen, wenn die Symptome mehr als 3 Monate anhalten. Faustregel ist: alles bis vier Wochen ist normal, bedarf keiner Behandlung. Mehr als vier Wochen ist verdächtig, hier kann Behandlung angeboten werden, aber ein großer Teil der Betroffenen heilt sich selbst. Über drei Monate ist nicht mehr normal, die Wahrscheinlichkeit der Selbstheilung ist gering und eine Heilung geht mit Therapie in jedem Fall erheblich schneller und leichter. Also: Reaktion auf Trauma ist normal; bei einer gleich bleibenden Reaktion über drei Monate und mehr ist eine externe Hilfe sinnvoll und in hohem Masse erfolg versprechend.


Dr. med. Gero A. Koch

PS: Das oben geschriebene gilt für fast alle traumatischen Erlebnisse, also Schusswaffengebrauch genauso, wie tödlicher Verkehrsunfall, Vergewaltigung, Raub, Unfall usw.!