Falschverortung der Rückstoßkraft

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Als Falschverortung der Rückstoßkraft bezeichnet man einen Denkfehler, bei welchem der Angriffspunkt des Rückstoßimpulses falsch verortet wird.

Angetrieben durch die Umsetzung der Treibladung in Pulvergase, legt das Geschoss als erstes den sogenannten rotationslosen Geschossweg zurück, dies gescheit gegen den Ausziehwiderstand. Anschließend wird das Geschoss gegen den Einpresswiderstand in die Felder des Laufes eingepresst zu werden. Beides geschieht noch unter verglichen niedrigen Gasdrücken, da noch nicht das gesamte Treibmittel umgesetzt und so der Scheitel der Piezo-Gasdruckkurze noch nicht erreicht wurde. Die bei diesen Bewegungen entstehenden Impulse sind zu vernachlässigen und keiner davon erfüllt die Definition eines Rückstoßes.

Erst wenn sich das Geschoss mit seinem gesamten Führungsteil in die Züge und Felder des Laufes eingepresst hat, die Treibladung druchgezündet ist und die Piezo-Kurve stark ansteigt, kann das Geschoss stark genug beschleunigt werden, um einen Bewegungsimpuls zu übertragen, den sogenannten Rückstoß.

Nach dem verlassen des Laufes ist der Geschoss nicht mehr in der Lage, auf den Lauf oder den Verschluss einzuwirken, da ab diesem Zeitpunkt keine mechanische Verbindung mehr besteht. Dass sich die Läufe und Verschlüsse mancher Waffen nach dem Abgang des Geschosses noch bewegen, ist durch deren Beharrungsvermögen zu erklären.

Falsch Verortungen

Im Patronenlager

Von vielen Laien wird der Rückstoß in der Patronenkammer verortet und soll dort vorgeblich auf den Stoßboden wirken. Dies ist allerdings falsch, sobald das Geschoss eine Geschwindigkeit erreicht, welche einen ausreichenden Impuls verursachen könnte, haben Geschoss und Stoßboden keine direkte mechanische Verbindung mehr. Viele Rückstoßlader drücken jedoch mit ihrem Lauf den Verschluss nach hinten, was bei vielen Laien den falschen Eindruck erweckt, ein Rückstoß wirke im Patronenlagers. Was bei Laien auch oft zu Verwechslungen führt ist, das tatsächlich eine Kraft auf den Stoßboden wirkt, dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Rückstoßimpuls, sondern schlicht um die Gasdrucksäule im Lauf. Dabei verhält sich der Lauf wie ein Zylinder, in dem ein Hohlkolben, in Form der Patronenhülse, den Verschluss nach hinten schiebt. Der Falschverortung des den Rückstoßangriffspunktes ist oft die direkte Folge vom Explosionsdenkfehler.

Nach der Gaskissen-Theorie, wirkt die sich im Lauf ausbreitende Gasdrucksäule als pneumatisches Übertragungselement, über welches der Rückstoßimpuls des Geschosses auf den Stoßboden wirken können soll. Nach der Theorie drückt der Geschossboden auf die Gassäule, die Gassäule auf die Patronenhülse und die Patronenhülse auf den Stoßboden. Diese Impulskraft ist jedoch gegenüber der Druckkraft der Gassäule zu vernachlässigen.

Es existieren jedoch Spezialwaffen wie die russische Pistole PSS, bei dieser ist das Geschoss schwer genug und der rotationslose Geschossweg lang genug, um einen ausreichenden Bewegungsimpuls zu erzeugen. Dieser Impuls wird vom Geschoss über sein Führungsteil auf die Patronenhülse übertragen. Das Geschoss der PSS verhält sich also in seiner Hülse, wie das Geschoss einer herkömmlichen Feuerwaffe in deren Lauf. Die so angetriebene Patronenhülse überträgt diesen Impuls über den Liderungswiderstand auf das bewegliche Patronenlager der Waffe. Bei diesem Impuls kann man jedoch nicht physikalisch korrekt von Rückstoß sprechen, da die Hülse deutlich leichter ist als das Geschoss.

Vor der Mündung

Einige Laien verorten den Rückstoß auch vor der Mündung, außerhalb des Laufes auf den ersten paar Millimetern freier Flugbahn. Dabei soll das Geschoss dort noch in der Lage sein, einen Impuls auf den Lauf oder sogar den Stoßboden hinten in der Waffe abgeben zu können. Dies ist jedoch physikalisch völlig unmöglich. Der Eindruck, dass das Geschoss auch außerhalb der Waffe noch eine Wirkung auf Funktionsteile haben kann entsteht dadurch, dass sich die Teile für das menschliche Auge erst dann deutlich in Bewegung setzen, wenn das Geschoss schon aus dem Lauf ist. Dies hängt allerdings mit der Trägheit der Masse dieser Teile zusammen. Diese nehmen den Bewegungsimpuls zwar bereits auf, wenn das Geschoss durch den Lauf getrieben wird aber setzen die aufgenommene Kraft erst später in eine eigene Bewegung um.

Folgen

Laien die diesem Denkfehler aufsitzen, haben entsprechend Probleme selbstladende Feuerwaffen und deren grundlegende Funktionsabläufe zu verstehen. Besonders das verorten des Rückstoßes im Patronenlager führt häufig zur Vermischung von kraftschlüssigen Systemen, welche durch Stoßbodenkraft angetrieben werden und formschlüssigen Systemen, jenen welche tatsächlich den Rückstoßimpuls betrieben sind.

Quellen

  • Handfeuerwaffen Band I von Jaroslav Lugs erschienen bei Militärverlag der DDR (VEB)
  • Handfeuerwaffen Band II von Jaroslav Lugs erschienen bei Militärverlag der DDR (VEB)
  • Verschlusssysteme von Feuerwaffen von Peter Dannecker erschienen bei dwj Verlags GmbH
  • Die Ausstellung der Wehrtechnischen Studiensammlung Teil 1 Band 2 Die Selbstlade- und automatischen Handfeuerwaffen von Dieter Heinrich erschienen bei Verlag E.S. Mittler & Sohn
  • Arbeiten zu Studium und Praxis im Bundesgrenzschutz: Waffenlehre - Grundlage der Systemlehre von Wolfgang Pietzner erschienen bei Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung
  • Hatcher's Notebook, A Standard Reference Book for, Shooters, Gunsmiths, Ballistics, Historians, Hunter and Collectors von Julian S. Hatcher erschienen bei Military Service Publishing Company
  • Schusswaffen und wie sie funktionieren von Ian V. Hogg erschienen bei Motorbuch Verlag
  • Vom Pulverhorn zum Raketengeschoß Die Geschichte der Handfeuerwaffen-Munition von Manfred R. Rosenberg, Katrin Hanne erschienen bei Motorbuch Verlag
  • The Handgun Story, A Complete Illustraded History von John Walter erschienen bei Frontline Books
  • Die Handfeuerwaffen Ihre Entwicklung und Technik (1912) von Robert Weisz erschienen bei Kessinger Publishing